Bei der Zeitungslektüre ist mir aufgefallen, dass ich mich noch nie zu Fragen der Wirtschaftspolitik geäußert habe. Bei der Wirtschaftspolitik fällt mir auf, dass es zurzeit in Deutschland eine Art Aufschwung gibt mit konjunktureller Erholung, ermutigenden Signalen, deutlichen Zeichen, Binnenmarkt und all diesen Dingen. Dieser Aufschwung wird von sämtlichen Experten auf die für das kommende Jahr angekündigte Erhöhung der Mehrwertsteuer zurückgeführt. Alle Leute kaufen jetzt noch schnell etwas ein, weil im kommenden Jahr alles teurer wird. Dies ist nur vernünftig. Wirtschaftspolitik ist zu einem großen Teil Psychologie.

Gleichzeitig sagen die Wirtschaftsexperten, dass die deutsche Wirtschaft im kommenden Jahr Schwierigkeiten bekommen wird, weil

a. alle Leute, die ihren Verstand noch beisammen haben, schon in diesem Jahr alles kaufen und weil

b. im kommenden Jahr alles teurer wird.

Die Regierung täte gut daran, meinem Rat zu folgen. Wenn ich die Regierung wäre, würde ich exakt am 1. Januar 2007 eine weitere Erhöhung der Mehrwertsteuer um weitere zwei Prozent für exakt den 1. Januar 2008 ankündigen. Die Leute würden vor Wut toben, aber nach einer Weile würden sie zähneknirschend anfangen, erneut einzukaufen, weil 2008 alles noch teuer wird und weil man beim Einkaufen, wenn man zu Hause auspackt, immer etwas vergessen hat. Das Wirtschaftswunder ginge weiter! Anfang 2008 aber würde ich, wenn ich die Regierung wäre, für Anfang 2009 noch mal eine Steuererhöhung beschließen, diesmal sogar um vier Prozent. Weil, man muss, um den Gewöhnungseffekt auszugleichen, im Laufe der Zeit die Reize verstärken. Begründen lässt sich die Erhöhung mit der schlechten Lage der öffentlichen Haushalte. Die Leute würden sich wahnsinnig aufregen, aber dann würden sie zähneknirschend in den Keller gehen, die Schränke öffnen, die Garage checken und so weiter, um zu schauen, ob nicht doch irgendwo irgendwas fehlt, was man schnell noch kaufen könnte, bevor man es nicht mehr bezahlen kann.

Einige Jahre hindurch lässt sich solch eine Wirtschaftspolitik betreiben wie ein Perpetuum mobile. In dieser Zeit könnte man, mit Hilfe der immens gestiegenen Steuereinnahmen, den Staatshaushalt sanieren und die Altschulden begleichen. Ich bin keineswegs Traumtänzer. Ich weiß, dass die Leute das Prinzip nach einer Weile durchschauen, dass ihr binnenkonjunkturelles Temperament erkalten, dass sie zum Einkaufen ins Ausland fahren oder soziale Unruhen veranstalten würden. In diesem Moment, für den man das richtige psychologische Gespür haben muss, würde ich als Bundeskanzlerin vor das Volk treten und eine wirtschaftspolitische Wende ankündigen. Wegen der geglückten Sanierung der Staatsfinanzen kündige ich eine Senkung der Mehrwertsteuer von 45 auf 25 Prozent an. Die Konjunktur würde glühen wie eine Herdplatte, die man nicht ausgeschaltet hat. Meine Wirtschaftspolitik hat, aber dies nur für Insider, ihre geistigen Wurzeln im Postkeynesianismus. Ich nenne sie: das Harald-Prinzip. Wirtschaftspolitik ist zu einem großen Teil Psychologie.

Lebenszeichen 2006
Harald Martenstein denkt über den aktuellen Zustand nach - inzwischen chronologisch archiviert "