Nur im Schlaf bin ich ein Vielträumer. Da geht es wild zu. Aber im Leben träume ich nicht. Es mag kokett klingen, aber ich glaube, wenn ich eine Qualität habe, dann die, dass ich Realität und Fiktion nie verwechsle. Das hat weniger mit der geschäftlichen Seite zu tun als damit, dass es keinen Sinn hat, nur ungestüm und entflammt zu sein. Ich glaube, jeder Autor, jeder Filmemacher weiß, dass man in der Lage sein muss, den Rausch der Gedanken zu kanalisieren. Es ist eine Frage der Energie. Dinge, die einem Energie geben, in die kann man sie auch wieder reinstecken. Es geht um den Austausch von Energien. Das ist für mich kein Traum, sondern ein konkretes Unterfangen. Dazu gehört auch Disziplin. 

Manchmal werde ich gefragt, ob die Fertigstellung eines Films nicht die Verwirklichung eines Traumes ist, und ich antworte: Nein, es ist viel spannender. Geschichten springen mich einfach an. Und dann lassen sie nicht mehr los. Wie Monster. Jeder Stoff wird früher oder später zum Monster. Nicht immer bedrohlich, es können auch sehr lustige Monster sein. Aber auf jeden Fall wird es immer monströs.

Ich müsste lügen, wenn ich behauptete, schon immer ein Filmbesessener gewesen zu sein; wie etwa Tom Tykwer , der jahrelang als Vorführer gearbeitet und viele Filme Dutzende Male gesehen hat, um sie zu studieren. Mich hat es in jungen Jahren viel mehr interessiert, Musik zu machen, außerdem habe ich viel gemalt, fotografiert und geschrieben. An meinen ersten Kinobesuch kann ich mich nicht einmal mehr genau erinnern. Ich bin eher ein Spätentwickler, was das betrifft.

Eigentlich wollte ich Germanistik, Geschichte und Theaterwissenschaft studieren. Also erkundigte ich mich, was da so gelehrt wird, und ich fand das alles ziemlich spießig. Gott sei Dank hörte ich während meines letzten Jahres auf dem Gymnasium, dass es in München eine Filmhochschule gibt. Ich erfuhr, dass es 400 Bewerbungen auf 11 Studienplätze gab. Da dachte ich: Schau’n mer mal.

Für meine Bewerbung wollte ich einen 16-Millimeter-Film drehen. Aber ich hatte nicht die geringste Ahnung, wie das geht. Ein Freund hatte gerade eine Ausbildung zum Kameraassistenten begonnen. Den ernannte ich zum Kameramann. Leider wussten wir beide nicht, wie man den Ton aufs Bild bekommt. Natürlich kannten wir Tonbandgeräte. Aber wir wussten nicht, wie das geht: dass die Kamera und das Tonband synchron laufen. Wir wussten auch nicht, wie das Schneiden geht. Ich drehte so, dass ich dachte, man müsse nicht schneiden; bei einem Dialog erst die eine Person, dann die Kamera ausgeschaltet und dann die andere. Das Blöde war nur: Da waren immer weiße Flecken dazwischen, die entstehen, wenn man die Kamera an- und ausschaltet. Also mussten wir doch schneiden.

Wir gingen zu einer Filmfirma, Freitag, spätnachmittags. Wir sagten: Wir hätten da einen Film und müssten noch ein paar Dinge ändern. Ob sie nicht einen Schnittplatz für uns hätten. Die Leute waren sehr nett und sagten: Da ist der Tisch, bitt’ schön, wir machen jetzt Feierabend, wenn ihr fertig seid, werft doch den Schlüssel in den Briefkasten. Wir standen vor dem Schneidetisch und wussten nicht mal, wie man den Film einlegt, geschweige denn, wie man einen Synchronpunkt sucht. Dann haben wir bis Montag früh dagesessen, bis die Leute von der Firma wieder zur Arbeit kamen. Zwei Tage und zwei Nächte, ohne Pause. Danach konnten wir’s.

Der Film handelte von dem Internat, in das ich mit elf Jahren gekommen war. Kein Elite-Internat, sondern ein katholisches Stift, ein Heim, sehr streng. Die Glocke teilte dort das ganze Leben ein. Man wurde durch die Glocke geweckt. Dann klingelte es, wenn man in der Früh in die Kirche gehen musste. Nach der Kirche Studierzeit. Glocke. Frühstück. Glocke. Dann Schule. Glocke. Mittagessen. Und so weiter. Der ganze Tag wurde von der Glocke bestimmt. Und dass über Jahre. Im Laufe meines Films stellt sich heraus: Hinter dieser Glocke sitzt ein sadistischer Mensch. Die Hauptperson zieht ein langes Messer und sticht ihn ab. Der Film war natürlich viel zu lang, über eine halbe Stunde. Zehn Minuten hätten gereicht. Der Titel ist dem Eröffnungssatz von Becketts Murphy entlehnt: "Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf nichts Neues." Das war 1969. Die Filmhochschule hat mich genommen.

Film hat mich erst wirklich gepackt, als ich ihn selbst machen konnte. Als ich erlebte, wie man aus etwas nicht Vorhandenem, einem bloßen gedanklichen Konstrukt eine konkrete Welt erschaffen kann. Diese Welt besteht auch nur aus Licht und Schatten und Ton, aber sie ist für jeden erfahrbar. Sie wird trotzdem real. Das ist eine Art Schöpfungsakt.