Washington

Was lesen eigentlich die Amerikaner zum fünften Jahrestag der Terroranschläge? Kurzer Besuch im Buchladen, flüchtiger Blick auf den Tisch mit den politischen Titeln: Fiasko, Desaster und, wahlweise, Verschenkter Sieg. Daneben, im Zeitschriftenregal, findet sich Foreign Policy mit einem Titel über den "Tag, der nicht viel änderte".

Wirklich? War Amerika sich nicht einst einig, seit dem 11. September sei nichts mehr noch wie zuvor? Nein, heißt es jetzt, diese Ansicht sei bloß "ein Beispiel für amerikanischen Narzissmus" gewesen, der eigenes Leid für ein weltstürzendes Ereignis halte. Vielmehr hätten sich weder die Kräfte und Allianzen noch die Spannungsfelder internationaler Politik grundlegend verschoben. Nur Amerikas Wille, die Welt zu verändern, sei "erlahmt". Eine Provokation? Eine Minderheitenmeinung? Keineswegs. Die Zeitschrift The National Interest ruft die "strategische Müdigkeit" als Folge grenzenloser Ambition aus. Die eigene Regierung habe einen "langen Krieg" angekündigt, der das Ziel gehabt habe, "die Tyrannei in der Welt zu beenden". Das, so schreibt der Autor bitter, sei "eine Aufgabe für Sisyphus", mit "ungenau beschriebenem Gegner, unklarem Ziel und offenem Ende".

Mühelos ließe sich die politische Abteilung der Buchhandlung in "Sektion für amerikanische Selbstkritik" umbenennen. Wer hinten im Laden beim Blick ins Fernsehgerät Entlastung sucht, wird enttäuscht. Es läuft der Parlamentskanal und bringt Übertragungen von Diskussionsrunden aus Think Tanks. In den Politikinstituten ist die Klage zu hören, Amerika kämpfe nun schon länger als im Zweiten Weltkrieg. Pünktlich zum Jahrestag übertreffe die Zahl der amerikanischen Kriegstoten erstmals die Zahl der Septembertoten von New York. Amerika, so heißt es, habe jahrelang "in einer Fantasiewelt" gelebt und müsse nun die "Grenzen der Macht" erkennen. Wer fabuliert so kess daher? Linke Brandredner? Nein, es ist eine Runde grauhaariger Experten, die im konservativen Nixon Center über "die angeschlagene Supermacht" diskutiert.

Wer hätte gedacht, dass Amerika den fünften Jahrestag der Septemberanschläge im Katzenjammer begehen würde? Nicht mal zwei Jahre sind vergangen, seit George Bush die Präsidentschaftswahl mit einer Rhetorik gewann, die zwischen Welterlösung und Stahlgewittern changierte. Und nun? Ein Präsident mit unterirdischen Zustimmungsquoten, der eine Nation zu führen hat, die sich mit Selbstexegese quält und mit großer Mehrheit das Kernprojekt des Präsidenten ablehnt: den Krieg im Irak.

Die flagellantische Festtagsdebatte über Ziele, Mittel und Werte amerikanischer Politik verführt manchen Interpreten schon zu der Vermutung, eine tektonische Verschiebung der US-Politik kündige sich an. Tatsächlich mehren sich zumindest die Indizien, wonach der Richtungspfeil der Politik zurück in die Mitte weist. Das ganze Konzept präventiver Sicherheit, Kernstück konservativer Machtausübung im Inneren wie im Äußeren, steht unter Druck. Sein nahöstliches Demokratisierungsprojekt passt der Präsident bereits den realen Machtverhältnissen an. Gegen die Ausweitung von Bürger- und Gefangenenrechten leistet er noch hinhaltenden Widerstand.