Fotografie, so schreibt der Kunst-Brockhaus im Jahr 1983, ist die Herstellung von dauerhaften Abbildungen. Die Technik dieses Verfahrens wurde 1839 publiziert, und schon brach, vom öffentlichen bis zum privaten, vom künstlerischen bis zum wissenschaftlichen Bereich, eine explodierende Bildindustrie aus und ein neues Zeitalter an. In den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts folgte die Nobilitierung der Fotografie zum Kunstwerk durch Man Ray, Alexander Rodtschenko und andere Vielsichtige. Die Kurzgeschichte dieses Mediums sieht man in der Erinnerung mit, wenn man eine Fotoausstellung betrachtet, die neben dieser Geschichte auch eine andere sichtbar machen, die doppelte deutsche. In der Ausstellung Mensch!

Photographien aus Dresdner Sammlungen spiegelt sich diese Doppelung, zu der auch die Leerstellen gehören, auf eine facettenreiche und subkutan brutale Weise wider. Im Dresdner Kupferstichkabinett, dem Ausstellungsort, sammelte der wache Direktor Max Lehrs schon seit 1899 internationale Fotografie. Dresden war zu dieser Zeit der Ort der Naturwissenschaft, die Stadt der Künste, Sachsen das Land der frühen Industrie, und so kamen, nach Porträts der landeseigenen Prominenz, Aufnahmen der Tänzerin Gret Palucca oder von Oskar Kokoschka ebenso hinzu wie die des Maschinenwerks Niedersedlitz oder die fotografischen Dokumente der Forschung. Mit Kriegsende und der Teilung kommt die Trennung, und während in Westdeutschland bald die flotten Kabrios und die munteren Bienen mit den Glockenröcken ins Gute-Laune-Bild rücken, herrscht im Osten die öffentlich verordnete, demonstrative Aufbruchsstimmung alternativ zum privaten, ausdruckslosen Nischenglück. Man weiß nicht, welche Bilder trostloser sind. Weil nach der Wende dann fast alles wieder eins wurde (was auch hier zu sehen ist), sind die tiefen Bruchstellen der Dresdner Sammlungen ebenso aufschlussreich wie die Beispiele der ostdeutschen Fotografie. (bis zum 28. September, Katalog 29,80 )