Wenn Ulrich Wickert über die Weltlage sprach, die Zunge schwer, als habe er sie über Nacht in alten Roten eingelegt, war die Welt kein Schlachthaus, sondern ein nettes Kuriosum. Seine Stimme war weich wie Karamell, die Nachrichten klebten ihm am Gaumen fest. Über die Fakten floss der Honig des Anekdotischen.

Weltgenuss, Ironie, ein Murmeln, in dem sich ein Gähnen verbarg – hier war ein Abendmensch, der den Tag für uns rundete und ihn nicht noch mal hochriss. Zufriedene Müdigkeit wärmte seine Glieder, er war auf seinen langen Beinen ausdauernd um die Welt gelaufen, nun mochten andere rennen und ihre Nachrichten zu ihm bringen; sein Schreibtisch war, in die Stürme der Geschichte hineingebaut, die helle Kante des sicheren Hafens, der vorderste Posten des Hinterlandes, und darin saßen wohlgeborgen wir.

Im Gespräch mit Politikern erzeugte Wickert bisweilen eine Ohrensesselgemütlichkeit. Sie suggerierte, dass man mit dem Gesprächspartner schon bei anderen Anlässen und in anderen Zuständen gesessen hatte. Ein unaussprechlicher Wissensüberschuss schwebte über solchen Dialogen wie Zigarrenrauch. Etwas wie Augenhöhe kam zustande zwischen ihm und "den Mächtigen": Man bewirtete sich gegenseitig. Und tatsächlich war ja längst nicht mehr klar, wer nun wem die Ehre gab, der jeweilige Politiker oder doch Wickert, der sich über die Jahre hin die Aura eines Parallelbundespräsidenten erworben hatte. Er saß auf seinem Stuhl wie ein kauziger König.

Tom Buhrow, Wickerts Nachfolger, muss noch stehen, und er wirkt bei seinen ersten Auftritten sogar, als stünde er auf einem Telefonbuch. Wo Wickert sich ducken musste, um auf den Bildschirm zu passen, da reckt Buhrow sich empor, um den Rahmen zu füllen. Wo Wickerts Gesicht erfüllt war von den Höhlungen und Gravuren der Lebenserfahrung, da hat Buhrows Gesicht noch für viele Spuren Platz. Seine ersten Auftritte sind fehlerlos und schattenlos. Das Publikum wird nicht, wie gelegentlich bei Wickert, von der Angst vor dem nächsten Versprecher in Bann gehalten. Wickerts Moderationen waren wie fonetische Schlittenfahrten: Die Sätze glitten und schlitterten ineinander. Der Sprecher Buhrow hingegen funktioniert wie ein Metronom. Ein eigener Stil des Nachrichtenerzählens ist bei ihm noch nicht zu erkennen. Das ist klug. Buhrow zeichnet sich vorerst durch das aus, was er nicht macht.

Er hat nicht die Durchgriffsintonation und die Interventionsmimik des ZDF-Kollegen Claus Kleber, der sprungbereit am Laptop steht und dessen Gesicht zu sagen scheint: Wenn mir das zu bunt wird in Bagdad/Washington/Berlin, dann schicke ich meine Eingreiftruppe vom Lerchenberg und gehe gewaltig dazwischen. Buhrow hat nicht das frivole Ihr-kommt-doch-nach-Schluss-der-Sendung-noch-auf-einen- Schluck-zu-mir-Zwinkern der Late-News-Kollegen. Er hat nicht das diskrete Mitgefühl, das aus dem RTL-Mann Peter Kloeppel den perfekten Bestattungsunternehmer machen würde. Er hat nicht die ungerührte Lakonik des Sat.1-Moderators Thomas Kausch. Und er hat nicht das lauernde Predigerbehagen des Peter Hahne.

Buhrow versagt sich jedes Besser- und Früherwissen, jede Ich-Keckheit. Er gibt eher den Boten als den Botschafter, er hat die Zurückhaltung eines Flugbegleiters ohne Kapitänsallüren, und mit seinem hellen Liftboylächeln erinnert er ein wenig an den jungen Rühmann. So wie er müsste ein guter Kinderarzt sein, ein Kinderzahnarzt: Schaut seine Lachfalten an, dann tut es nicht weh. Mit diesem Lächeln wird er uns durch Kriege, Katastrophen, Peinlichkeiten lotsen.

Mal sehen, was aus diesem Gesicht werden wird. Noch ist es ein Friedensgesicht, man könnte sagen: ein Zuschauergesicht, ein unbeschwertes, wohlgenährtes, sonniges – kein Gesicht für unsichere Zeiten. Möge es seinen vormittäglichen Schalk behalten, seine beneidenswerte, sorglose Ausgeschlafenheit. Das ist ihm zu wünschen und uns wohl auch.

* Siehe auch Buch im Gespräch
Tom Buhrow/Sabine Stamer: "Mein Amerika - Dein Amerika" "