Alle um und über Achtzigjährigen haben ab sofort den Mund zu halten und sollten endlich in die Altersdemenz versinken, fordert Herr Greiner. Er verbittet sich ihre ewige Rechthaberei, wirft ihnen Selbstgerechtigkeit und Moralismus vor und möchte insbesondere jene geschlossene Alterskohorte treffen, die nach Stalingrad Anfang 1943 klassenweise als fünfzehn- und sechzehnjährige Luftwaffenhelfer eingezogen wurden. Das waren die drei Prozent Jungen der Jahrgänge 1926 und 1927, die damals ein Gymnasium besuchten, die künftige Elite, zehnte und elfte Klasse. Herr Greiner muss sehr unter einigen von uns gelitten haben, dass er derart polemisch eine ganze Gruppe ablehnt, die in der Tat durch ein gemeinsames Erlebnis in früher Jugend bei allen vorhandenen und später hinzuerworbenen Unterschieden eine ziemlich homogene geistige Struktur entwickelt hat: Wir sind nüchterne Utopisten.

Unser Sprachrohr war zeit seines Lebens Hanns-Dieter Hüsch, auch wenn der kein Flakhelfer war. Ratzinger war es und Habermas, dazwischen viele andere große Namen und stillere Kärrner - was für ein Spektrum!

Kein geistiger Nutzen für die Nation, Herr Greiner? Alles Renegaten?

Die Biografie von Günter Grass ist mir allerdings auch nicht ganz geheuer. Ich habe ihn im Juni 1945 getroffen. Wir haben uns über die Möglichkeiten einer Kriegsliteratur unterhalten. Er meinte damals, ein begnadeter Dichter könne ein Leben lang von Erlebnissen der Kindheit und frühen Jugend zehren. Das hat er lange durchgehalten. Wie auch immer: Er gehört zu uns, und hoffentlich ist es ihm noch lange nicht genug. Herr Greiner muss leider noch eine Weile darauf warten, bis unsere Energie versiegt ist.

Ludwig Holzheid, Mainz

In allen Beiträgen, ob kritisch oder wohlwollend gegenüber Grass, scheinen mir zwei Aspekte unzweifelhaft zu sein: Die Tatsache an sich, also die Mitgliedschaft in der Waffen-SS und damit die freiwillige Teilnahme am NS-System, löst kein wirkliches Entsetzen mehr aus, vielmehr menschliches und historisches Interesse. Und zweitens sind sich implizit alle darüber einig, dass es gut ist, davon zu berichten.

Jeder weiß, dass die Schatten der Vergangenheit nicht durch Verschweigen verschwinden. Insofern bin ich Grass dankbar für sein Bekenntnis, denn er hat vorgemacht, was man sich immer noch und immer wieder von der Kriegs- und Nachkriegsgeneration wünscht: über die Schatten erzählen und aufmerksam zuzuhören. Beides geschieht immer noch viel zu wenig.