Mitten im Staatsforst Stetternich ragt ein seltsames Gebilde in den Himmel, ein mit Wellblech umkleidetes gewaltiges Krangerüst. Unter dem Blech verbirgt sich das historische Gebäude des ersten deutschen Hochtemperaturreaktors. Der Kran soll den leer geräumten Reaktorbehälter anheben und ihn kaum hundert Meter weit in ein noch zu errichtendes Zwischenlager gleiten lassen. Der Reaktor gilt damit als zurückgebaut, sein ehemaliger Standort als grüne Wiese und seine ehemalige Heimat, das Kernforschungszentrum Jülich, als kernforschungsfrei.

Hecke auf, Reaktor raus, Hecke zu. Die eigentümliche Entsorgungsstrategie steht symbolhaft für die Geschichte der deutschen Atomenergieforschung und ihrer Zentren. Gleich drei von ihnen feiern in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen und einen fast zwei Jahrzehnte währenden Wandel.

Mit dem Ausstieg aus der groß angelegten Kernforschung haben sich Karlsruhe (Festmotto: Bereit für die Zukunft), Geesthacht (Wissen schafft Nutzen) und Jülich (50 Jahre Zukunft) neue Aufgaben suchen müssen. Konstruierten sie früher Brut- und Heißdampfreaktoren, studierten das Kugelhaufendesign für Brennelemente und den Einsatz der Kernenergie für die Schifffahrt, so haben sie sich heute dem Lebensraum Küste, der Klimaforschung oder der Medizin zugewandt.

Der Wandel war eine Mammutaufgabe. Allein in Jülich arbeiten heute 1100 Wissenschaftler, 700 Gastforscher und 400 Doktoranden. Nicht mehr Kern- oder Nuklear-, sondern Bio-, Nano- und Info- lauten die neuen Vorsilben der Forschungsstrategie. Und ein interner Wettbewerb um Fördermittel zeigt Wirkung: Was zeitweise zur Bauchladenwissenschaft zu verkommen drohte, die kein klares Profil erkennen ließ, nimmt in der Großforschung seit einigen Jahren wieder Form an.

Jülich setzt dabei vor allem auf eine traditionelle Tugend der Nuklearforschung, das Hochleistungsrechnen. Am 6. März wurde auf dem Campus ein neuer Supercomputer eingeweiht, mit einer Rechenleistung von 45,8 Teraflops zum Zeitpunkt der Inbetriebnahme der schnellste Rechner Europas. Um ihn scharen sich nun Umweltforscher, Mediziner oder Materialwissenschaftler. Schon die schiere Rechenkraft katalysiert ihre Ideen, diese wiederum treiben die Mathematiker und Informatiker zu neuen Höchstleistungen.

Fast wie nebenbei hat Jülich glücklich zurückgefunden: zu einer echten Kernkompetenz.