DIE ZEIT: Herr Ministerpräsident, wie beurteilen Sie heute, fünf Jahre nach den Anschlägen des 11. September von New York und zweieinhalb Jahre nach denen des 11. März von Madrid, die Innere Sicherheit der westlichen Demokratien?

José Luis Rodrøguez Zapatero: Der islamistische Terrorismus macht uns zurzeit in der Tat die meisten Sorgen. Aber terroristische Gewalt prägte nicht nur die fünf Jahre seit dem 11. September. Gewalt hat die Demokratien schon immer herausgefordert. Die demokratischen Gesellschaften müssen ihre Freiheiten verteidigen, aber die Antwort auf die Attacken gewalttätiger Fanatiker kann nur mit den Instrumenten der Demokratie erfolgen, mit den Methoden des Rechtsstaats und auf der Basis des Völkerrechts, nicht mit Kreuzzügen. Weder der Terrorismus noch die Angst vor der Gewalt dürfen zu einem Verlust an Freiheit führen.

ZEIT: Ist die demokratische Balance von Freiheit und Sicherheit gefährdet?

Zapatero: Ich finde nicht. Wenn die Verteidigung der Freiheit einige unvermeidliche Einschränkungen vornehmen muss, dann geht das zurück auf Fehler, die anderswo gemacht wurden. Natürlich müssen die demokratischen Gesellschaften die nötigen Vorkehrungen zur Sicherheit ihrer Bürger treffen. Aber das muss mit der richtigen Perspektive geschehen. Das heißt, noch wichtiger ist es, die Probleme des Nahen Ostens zu lösen.

ZEIT: Sehen Sie im Nahost-Konflikt die Ursache für den islamistischen Terrorismus?

Zapatero: Der Nahe Osten ist der primäre Tumor, die ständige Quelle politischer Instabilität. Aus ihm wächst der islamische Radikalismus und die Bereitschaft zur Gewalt, die zum Terrorismus führt. Die internationale Staatengemeinschaft darf daher nicht davon ausgehen, dass wir im Nahen Osten im 21. Jahrhundert so weitermachen können wie die letzten 40 Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Die ganze Staatengemeinschaft muss sagen: Basta ya! Genug! Ehe das Problem nicht gelöst ist, können wir die Staatengemeinschaft und das internationale Rechtssystem nicht weiterentwickeln. Deshalb müssen die nationalen Regierungen in legitime internationale Institutionen wie die Vereinten Nationen und die Europäische Union mehr Vertrauen investieren. Sie müssen ihnen Zuständigkeiten übertragen, damit sie die großen Konflikte angehen können.

ZEIT: Da sprechen Sie von großen Lösungen, die viele Jahre dauern können. Die Bürger in den Demokratien verlangen aber mehr Sicherheit jetzt. Würden nicht viele dafür gern auf einen Teil der Freiheit verzichten?