Von den Briten wird gesagt, sie hätten ihr Imperium " in a fit of absent-mindedness " gewonnen, in einem Anfall von Geistesabwesenheit. Wird man Ähnliches dereinst auch von den Deutschen sagen, deren Truppen inzwischen rund um die Welt verteilt sind? Bosnien, Kosovo, Afghanistan, Dschibuti, Sudan, Georgien, Kongo… Demnächst werden sie gar vor der Levante kreuzen, just an der Kante der blutrünstigsten Region auf Erden. War das gut überlegt, passen die nationalen Mittel zu den globalen Zielen? Eher nicht.

Mal wurde die eigene Geschichte ("Nie wieder Auschwitz"), mal die Verantwortung ("Wir können uns nicht verweigern") angeführt. Unsterblich ist der Satz des damaligen Verteidigungsministers Struck, die Nation werde auch am Hindukusch geschützt. Daran ist nichts Falsches, aber auch nichts Zwingendes – jedenfalls nicht in dem Sinne der Notwendigkeit, die sich auftürmt, wenn der Feind die Landes- oder Bündnisgrenzen überschreitet.

War of choice lautet der englische Begriff, wenn ein Staat seine Soldaten einsetzt, ohne dass eine unmittelbare Gefahr droht. Das tut er dann im Namen eines "erweiterten Sicherheitsbegriffes", der einst Raub und Expansion begünstigte, aber heute, zumal im deutschen Kontext, nicht als zynische Maskerade verhöhnt werden sollte. Der Außenminister hat Recht: Deutsche Soldaten werden nicht entsandt, um "dort Land zu zerstören oder den deutschen Machteinfluss zu vergrößern".

Die realpolitischen Bedrohungen sind in der Tat global, und sie landen rasch vor der eigenen Haustür – vom internationalen Terror über die Atom- und Raketenaufrüstung bis zur Öl-Waffe. Die idealpolitischen Aufgaben sind auch global, weil Genozid und Vertreibung nicht nur die moralischen Fundamente jeglicher Weltordnung attackieren, sondern auch neue Kriege gebären.

Und doch: Wo "global" die Köpfe und "Moral" die Herzen bewegt, gelten keine Grenzen. Wo man nicht nein sagen darf, macht man sich zum Spielball von anderen. Wo die "Verantwortung vor der Geschichte" – so Angela Merkel – angemahnt wird, ist alles möglich, ja geboten, haben doch die Deutschen und Europäer im Laufe der Jahrhunderte ein hübsches Erbe angesammelt. Die Spanier haben den Genozid im Amerika des 16. Jahrhunderts erfunden, die Deutschen haben ihn im 20. perfektioniert; dazwischen lag eine endlose Reihe von Religions-, Hegemonial- und imperalistischen Kriegen. Das ergibt ein schier unerschöpfliches Reservoir von Verantwortung und Verpflichtung.

Dieses Verantwortungsgefühl ist nicht falsch, das richtige Handeln aber erfordert jedes Mal die Antwort auf drei klassische Fragen der Außenpolitik: Warum gerade dieser Einsatz, woher die Mittel, wie lange wird es dauern? Die Bundesrepublik pflegte sich klugerweise nur dort zu engagieren, wo knappe Mittel mit minimalen Bedrohungen einhergingen – etwa im Kosovo, nachdem die Nato die Serben niedergekämpft hatte, oder im afghanischen Kundus, wo die Gefahr hauptsächlich von einstürzenden Schulneubauten drohte. Doch deckt Afghanistan schon den Kern des Problems auf. Das Land ist eben nicht befriedet, die Taliban sind wieder da, jetzt mögen die Deutschen nachlegen: mit mehr Truppen, die im umkämpften Süden beim echten Kriegshandwerk gefragt sind. Wer also A sagt, muss B sagen können – oder eine elegante Exit-Strategie parat haben. Im Krieg kennt man leider nur den ersten Schritt, weshalb just dieser genauestens überlegt werden sollte.