Wer reitet, bewegt sich aus der Welt. So sehe ich es. Wer reitet, verfällt dem Vergessen. Vergisst, dass die Steuererklärung abgegeben werden müsste, vergisst die hässlichen Nebengeräusche des Lebens. Vergisst, dass es Verbrechen gibt und Ungerechtigkeit, vergisst die Menschen, samt ihrer Gemeinheit und ihrer Not. Vergisst sich selbst.

Andere trinken, um diesen Zustand zu erreichen, wieder andere erklimmen hohe Berge, berauschen sich an Musik oder starren so lange auf ihre Angel, bis sich die Entrückung einstellt. Ich reite. Beim Reiten werden die Gedanken einfacher, dann weniger, schließlich hören sie ganz auf. Der Freiraum füllt sich mit Bildern, Gerüchen, Gefühlen. Die Natur drängt sich auf und nimmt mich ganz in Anspruch. Wer reitet, sitzt im Sattel und im Augenblick, seine Konzentration gilt der Kreatur und ihrem Weg.

Am Freitag sind Anja und ich schon früh unterwegs. Wir starten in Poggensee, wo Anja einen Reiterhof mit Pferdezucht hat. Es wird ein langer Ausritt werden, einer, von dem wir nicht wiederkehren, wenn die Sonne sinkt. 100 Kilometer legen wir auf unserer Runde durch Ostholstein zurück, drei Tage lang sind wir mit den Pferden aus der Welt. Alles, was wir brauchen, tragen wir im Rucksack bei uns. Es ist ein Experiment mit vier Teilnehmern, zwei menschlichen, zwei tierischen. Die Route hat Anja festgelegt und dafür gesorgt, dass wir alle nachts irgendwo bleiben können.

Nebel steigt aus den Wiesen, und der Wald schweigt noch. Die Luft ist mild, von Stechmücken bleiben die Pferde verschont. Maisfelder ziehen vorbei, Sonnenblumenfelder, Stoppelfelder. Ganze Familien grauer Kraniche und schwarzweißer Störche gehen auf den feuchten Wiesen auf Froschfang. Die Landkarte zeigt uns, wie man sich fern der Straßen durchschlagen kann, auf jenen aufgewühlten Pfaden, die den Reiter durch seine Parallelwelt führen. Wir jagen hintereinander durch den Forst. Unter den Hufen bebt der Waldboden. Schmal und fast zugewuchert ist der Reitweg. Nach vorne gebeugt in den Steigbügeln stehen, die Mähne des Pferdes im Griff. Nichts sehen, nur spüren, wie Zweige und Blätter auf den Helm klatschen und der Tau in den Hemdkragen rinnt – was sich da einstellt, muss Glück sein. Blind vertrauen, diesem warmen Koloss aus Muskeln und Sehnen, der mit mir schnaubend durchs Unwegsame stürmt.

Natürlich sind wir in Wirklichkeit ganz langsam. Unsere Geschwindigkeit beträgt vielleicht 25 Stundenkilometer. Verglichen mit dem schnellen Leben, das ich hinter mir gelassen habe, ist das hier der Kriechgang. Ganz entkommen wir der Zivilisation mit ihren Vorschriften und Regeln aber nicht. Etwa wenn das Querfeldeinreiten verboten ist und wir auf die Autostraßen zurückgezwungen werden. Im leichten Trab geht es dann über die sanfte Dünung des deutschen Nordens, durch Kastanienalleen hinein in erwachende Orte. Von oben herab sehen wir über Zäune hinweg den ersten Kaffeetrinkern in die Tassen und blicken in die Dachrinnen der Bushäuschen. Im Vorbeireiten pflücken wir Mirabellen und unreife Birnen und müssen aufpassen, dass wir nicht an Verkehrsschildern hängen bleiben. Dann wieder hindern wir unsere Pferde daran, beherzt in die wohlfrisierten Sichtschutzhecken zu beißen.

Unsere Freibergerstuten gehören zu Anjas Herde, die an die zwanzig Tiere zählt. Sie züchtet diese zierliche Kaltblutrasse, die in der Schweiz sehr verbreitet, in Schleswig-Holstein aber eher die Ausnahme ist. Vor hundert Jahren, als die Pferde noch zum täglichen Leben gehörten, waren Freiberger Zug- und Arbeitstiere, die in der alpinen Forstwirtschaft die Lasten zogen oder vor der Kutsche gingen. Heute tragen ihre grazileren Nachfahren Freizeitreiter aus dem Alltag. Die Freiberger fühlen sich zuverlässig an und nehmen die Unwägbarkeiten des Weges und die Zumutungen des Reiters stoisch hin. Sie sind so etwas wie die Geländewagen unter den Pferden. Für Amateure wie mich sind sie eine Lebensversicherung. Es gibt feinfühlige Pferde, die beim Anblick eines Schwans davonstieben, und andere, die beim Aufflattern eines Vogelschwarms oder beim Knallen einer Plane mitsamt ihrem schreienden Reiter durchbrennen. Beim Reiten lässt oft nur eine Lappalie Euphorie in Todesangst umschlagen. Doch wo viele Pferde ihrem Fluchttrieb nachgeben, bleibt der Freiberger auch unter dem ungeübten Reiter getreulich bei der Sache.

Durchs Gelände reiten heißt, ganz mit dem Pferd beschäftigt zu sein und die Welt aus der animalischen Perspektive zu sehen. Die Gefahr lauert an jeder Ecke. Wachhunde warten hinter Gartenzäunen und werfen sich wütend in den Maschendraht, wenn wir ihr Revier passieren. Kreissägen stimmen ihr hässliches Lied an. Wir reiten an Baggern vorbei, die bedrohlich ihre Schaufeln schwenken, und an monströsen Landmaschinen, die sich uns brüllend in den Weg stellen. Wir überqueren auf einer Brücke gelassenen Schritts die A24, während Lkw unter uns durchbrausen. In der üppigen Sommerlandschaft passieren wir tausend Koppeln, auf denen Pferde neugierig heranstürmen und versuchen, ihre von uns fremdbestimmten Artgenossen zum Wettrennen anzustiften. Als unvermittelt eine Gruppe junger Wallache über die Weide auf uns zudonnert, bricht mir der Schweiß aus. Erst kurz bevor der Zaun splittert, kommen die Tiere zum Stehen. Unsere Stuten bleiben unbeeindruckt. Man könnte meinen, Kaltblut kommt von kaltblütig.