Nie zuvor haben vier kleine Glühbirnen so viele Menschen so glücklich gemacht. 16 Wissenschaftler und Techniker brachen in Jubel aus und umarmten sich, als das Licht anging. Es erhellte zwar nur einen kargen Laborraum, doch leuchtete es weit in die Zukunft hinein. Denn an diesem 20. Dezember 1951 war im Experimental Breeder Reactor Number 1 bei Arco im US-Bundesstaat Idaho, mitten im amerikanischen Kartoffelland, zum ersten Mal Atomstrom in einem Reaktor erzeugt worden. Die vier brennenden Glühbirnen auf der Wäscheleine markierten den Beginn eines neuen Zeitalters. Stolz schrieben die 16 Wissenschaftler ihren Namen mit Kreide an die Wand, um den historischen Augenblick festzuhalten. Das Atomauto "Fulgur" stellten 1958 die Franzosen vor. BILD

Sechs Jahre zuvor, am 6. August 1945, hatte ein ganz anderes Ereignis Geschichte gemacht: Hiroshima. Ein glutweißer Blitz durchschnitt das Himmelstuch über der japanischen Stadt, tosendes Brüllen begleitete die Druckwelle. Weite Teile Hiroshimas verbrannten im atomaren Feuer. Der Abwurf der Bombe durch die Amerikaner in der Endphase des Zweiten Weltkriegs hatte die gewaltigen Zerstörungskräfte des Atomkerns demonstriert. Jetzt, mit dem ersten Lichtschein im Labor von Idaho, sollte seine Zähmung die Menschheit in ein neues, glückliches Zeitalter führen.

Der Geist aus der Uranmaschine spukte in Millionen Köpfen. Und er produzierte grandiose Zukunftsentwürfe. Atomkraft sollte nicht nur kostenfreie Energie liefern – der Stromzähler wird abgeschafft –, sondern auch Prozessdampf, Wärme und neue Antriebskräfte. Mediziner hofften auf Radioisotope gegen unheilbares Leid, und in Westdeutschland träumte Landwirtschaftsminister Heinrich Lübke (CDU) von Pflanzenmutationen durch Bestrahlung, um mit reicher Ernte den Hunger für immer zu besiegen.

Atomexplosionen sollen beim Kanalbau helfen

Nachdem die ersten atomgetriebenen Schiffe und U-Boote vom Stapel gelaufen waren – den Anfang machte 1954 das U-Boot Nautilus der US-Marine – war die Fantasie der Ingenieure entfesselt: Da rollten Atomlokomotiven, da flogen Flugzeuge mit Atomantrieb durch die Lüfte der neuen Zeit. Gewaltige Atombusse und -transporter ließen unüberwindliche Wüstenweiten auf Sandkastenflächen schrumpfen. Der US-Physiker Stanislav Ulam entwarf 1958 das Raumschiff Orion. Wie die Benzinexplosionen des Ottomotors das Auto anschieben, so sollten Hunderte schnell hintereinander gezündete Atombomben die Orion zum Mars, zum Saturn und wieder zurück katapultieren. Der Ritt durch das All auf dem Rücken der Bombe wurde jahrelang ernsthaft erforscht und erst im Januar 1964 als undurchführbar beerdigt.

Auch der Autobauer Ford hatte ein windschnittiges Zukunftsmodell entworfen: Es war flach wie eine Flunder, besaß ein extrem langes Hinterteil und zwei kecke Haifischflossen am Heck. Der utopisch anmutende, atomgetriebene Zukunftswagen Nucleon, der 1958 vorgestellt wurde, sollte mit einem Reaktor hinter den Sitzbänken eine Reichweite von fünf- bis achttausend Kilometern garantieren. Von Berlin nach Sevilla und zurück ohne Tankstopp – und trotzdem noch reichlich Kraftstoffreserven. Da strahlte die ganze Familie. Im selben Jahr zog die Atomnation Frankreich nach. Simca in Nanterre stellte seinen Fulgur vor. Der »Blitz« schaffte zwar nur 150 Kilometer in der Stunde, aber auch er sollte 5000 Kilometer weit fahren, ohne »aufzutanken«. Selbst für die eigenen vier Wände gab es erste atomare Visionen. So bastelte ein amerikanischer Hersteller an Heizkörpern mit Kleinstreaktoren – nukleare Wärme zum Spottpreis.

Die Kultivierung der Urwälder, die Erschließung des arktischen Eises, Berge versetzende Atomexplosionen für den Bau riesiger Kanäle und zur Gewinnung von Bodenschätzen – es gab keine Grenzen mehr. Auf der Linken wie auf der Rechten träumte man den Traum vom Goldenen Atomzeitalter, die letzte große Utopie des 20. Jahrhunderts. Selbst ein wacher Geist wie der Philosoph Ernst Bloch fantasierte mit und ließ die neue Energie in »einer blauen Atmosphäre des Friedens aus Wüsten Fruchtland, aus Eis Frühling schaffen. Einige hundert Pfund Uranium und Thorium werden ausreichen, um die Sahara und die Wüste Gobi verschwinden zu lassen, Sibirien und Nordamerika, Grönland und die Antarktis zur Riviera zu verwandeln.«