Afghanistan war der erste Feldzug in George W. Bushs "Krieg gegen den Terror". Die Soldaten der US-Armee machten dabei eine glänzende Figur. In nur drei Wochen fegten sie die Taliban von der Macht. Wer damals warnte, dass der Krieg gegen die Taliban erst begonnen habe, wurde nicht gehört.

Wie sollten diese afghanischen Steinzeitkrieger die größte Militärmacht der Erde aufhalten können? Schließlich, so stand es auch in deutschen Zeitungen zu lesen, haben B-52-Bomber "den Weg zum Sieg gebahnt". Triumph oder Niederlage, die Frage schien sich zu erübrigen.

Fünf Jahre später können die Offiziere der Nato, die inzwischen den Kampf gegen die Taliban übernommen hat, ihr Staunen kaum verbergen. Natürlich, jeder Dienst habende Offizier erfüllt seine Pflicht und sagt, dass der Sieg ohne jeden Zweifel kommen werde. Gleich danach folgt aber in der Regel eine düstere Einschätzung über die Lage der Dinge. Im Süden Afghanistans herrscht regelrechter Krieg. Das bezweifelt keiner mehr. Nato-Oberbefehlshaber James Jones sagt, dass die Nato "100 Prozent" brauche. "Wir sind auf 85 Prozent unserer vorgesehenen Stärke. Das reicht in normalen Zeiten. Aber die Zeiten sind nicht normal. Wir brauchen 100 Prozent!"

20000 Soldaten sind insgesamt in Afghanistan stationiert. 8000 davon stehen im Süden. Es sind Briten, Kanadier und Niederländer. Täglich haben sie Opfer zu beklagen. Jones forderte bis zu 2500 weitere Soldaten. Aber niemand scheint sie stellen zu wollen. Die Türken haben General Jones soeben eine klare Absage erteilt, die Deutschen haben schon nein zu einem Einsatz im Süden gesagt, bevor sie überhaupt jemand gefragt hatte. Aus Brüssel heißt es zwar, "Afghanistan ist unsere operationelle Priorität Nummer eins", aber Jones hat gerade anderes erfahren. Auch das jüngste Treffen der Nato in Warschau musste der General ohne feste Zusagen der Mitgliedsländer verlassen. Niemand scheint sich an Afghanistan die Finger verbrennen zu wollen.

Zu den Schwierigkeiten im Süden des Landes kommt eine schleichende politische Krise in Kabul hinzu. Der vom Westen gestützte Präsident Hamid Karsai verliert zunehmend an Autorität – wenn er sie denn je wirklich gehabt haben sollte. "Karsai", sagt Mohammed Registani, ein Parlamentarier und scharfer Kritiker des Präsidenten, "Karsai ist wie Michail Gorbatschow. Im Westen ist er beliebt, in seiner Heimat aber liebt ihn niemand!" Tatsächlich fällt die Bilanz der Regierung Karsai in den Augen der Afghanen dürftig aus: Die Arbeitslosigkeit bleibt hoch, die Korruption grassiert, die Sicherheitslage verschlechtert sich, die Armut wächst.

Karsai selbst scheint zu spüren, dass die Zeit für ihn knapp wird. In einem Interview mit der Zeitung Fortune kündigte er an, dass er nicht mehr kandidieren werde – damit wollte er etwas Druck von sich nehmen. Wenig später warf er internationalen Medien vor, dass sie voreingenommen seien und bewusst ein schlechtes Bild von ihm und seiner Regierung zeichneten. Er kritisiert auch Amerika, seinen Mentor. Das alles sind Zeichen von großer Nervosität.

Die wissen seine Gegner zu verstärken. Vergangene Woche sprengte sich ein Attentäter im Zentrum Kabuls in die Luft. Er tötete 14 Afghanen und zwei US-Soldaten. Es war das blutigste Attentat in Kabul seit dem Sturz der Taliban. Wenige Tage danach kam Hakim Taniwal, der Gouverneur der Provinz Paktia, durch einen Selbstmordattentäter ums Leben. Taniwal war Professor für Soziologie an der Universität Kabul gewesen. Während der Herrschaft der Taliban ging er nach Australien ins Exil. Er kehrte nach ihrem Sturz zurück, um seinem Land zu helfen. Taniwal war also der Typus Politiker, auf den der Westen setzt. Sein Tod ist ein sehr gezielter Schlag, ein weiterer Schlag gegen die Architektur, die der Westen für Afghanistan zusammengezimmert hat. Fünf Jahre nach dem Sturz der Taliban stellt sich die Frage, ob sie in ihrer Gesamtheit nicht vom Einsturz gefährdet ist.

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