Gewöhnlich tragen Nationalstaaten ihre Interessenkonflikte über die Zukunft aus. Nicht so Deutschland und Polen zwischen diesen Nachbarn geht es meist um die Vergangenheit. Wenigstens die Grenzen stehen fest, daran will wirklich niemand mehr rütteln. Aber beiderseits des Zauns streiten Deutsche und Polen mal wieder über die Erinnerung.

Der Zwist endet nicht an der Grenze. Etwas vergröbert, verlaufen die Kampflinien so: Deutsche Linke und polnische Rechte finden, an allem Unglück und allen Verbrechen seien die Deutschen schuld - die Polen seien Opfer, die Deutschen Täter. Polnische Linke und deutsche Rechte betonen mit unterschiedlicher Emphase , dass auch die deutschen Vertriebenen Unrecht erlitten hätten. Viele Polen meinen, die deutsche Regierung suche wie in unseliger Vorzeit Russlands Nähe. Hinzu kommen persönliche Empfindlichkeiten: Der polnische Präsident erregt sich nachhaltig darüber, dass ein deutscher Journalist ihn mit einer Kartoffel verglichen hat.

Die Krise um Kartoffeln, Kreml-Handschläge und die Vergangenheit wurde nicht zufällig geschürt. Vier Namen müssen hier fallen: Exkanzler Gerhard Schröder, die Vertriebenenfunktionärin Erika Steinbach, die Brüder Lech und Jarosaw Kaczyski an Polens Staatsspitze.

Schröder wird viele Deutsche erstaunen in diesem Zusammenhang. Hat er nicht alles getan, die Beziehungen zu entspannen, auch Norman Davies gefeiertes Buch über Polen gelesen und den Präsidenten regelmäßig getroffen? Mag sein, aber sonst war Polen für ihn zweitrangig.

Schröder pflegte stets über Warschau hinwegzufliegen, wenn er sich mit Russlands Wladimir Putin traf, er suchte während des Irak-Kriegs im Kreml Verbündete, während die Polen zu den Feldherrn in Washington hielten. Am meisten störte die Polen indes das Putin-Schröder-Projekt der Ostsee-Gas-Pipeline. Diese deutsch-russische Gasleitung soll die Störenfriede in Warschau bewusst umgehen. Das erinnert nun mal an unselige Pakte der Vergangenheit. Ein Kanzler, der das übersieht, hat aus den Büchern nichts gelernt.

Erika Steinbach, Chefin des Bundes der Vertriebenen (BdV), CDU-Abgeordnete und Museumsliebhaberin, leuchtet als Person des Anstoßes schneller ein. Seit Jahrzehnten schon tragen die deutschen Vertriebenenverbände wenig dazu bei, das Verhältnis zu Polen und Tschechien zu verbessern. Die meisten Fortschritte wurden gegen sie erreicht. Erika Steinbach ist obwohl fotogener als weiland die beiden Herberts Hupka und Czaja mit ihrer Idee eines Zentrums für Vertreibungen zur Hassfigur polnischer Medien und Politiker geworden.

Ihre Idee, in Berlin ein Zentrum zur Dokumentation von Vertreibungen zu bauen, sehen viele Polen als listenreiche Vorbereitung der x-ten polnischen Teilung. Das mag alles reichlich übertrieben sein, aber sie selbst hat diesen Eindruck mit ebenso überheblichen wie ungeschickten Äußerungen zementiert.