Irgendwie erinnert der Mann an eine Suchmaschine. Bestimmte Wörter lassen seine Züge aufleuchten. Man sieht dann förmlich, wie es googelt in Heiner Wegesin. "Huntington" zum Beispiel. Der Name löst beim Antiterrorchef des BND ein Zucken um den Mund aus, das sich als unterdrückter Anflug eines Schmunzelns deuten lässt. Huntington, den Propheten des globalen Kulturkampfs, den Entdecker der neuen Weltunordnung, den hat Wegesin schon 1997 gelesen. Im Original und nebenbei. Im Frankreich-Urlaub, erinnert er sich.

Mittlerweile kennt Wegesin die Werkstatträume des "Clash of Civilizations" nicht nur theoretisch. Er ist der Erste, der die Observationsberichte liest, ob aus Bora-Bora-Bunkern oder arabischen Studentenzimmern. Seit wenigen Monaten ist er Chef der Abteilung 5 des Bundesnachrichtendienstes. Sie ist verantwortlich für Terrorismusaufklärung. Und damit im Wesentlichen für die weitere Karriere des deutschen Auslandsgeheimdienstes.

Wegesin ist so etwas wie die menschgewordene Kulturrevolution des BND. Ein bekennender Achtundsechziger mit strategischer Disziplin, einem Faible für schnelle Computerprozessoren und einem Hang zum Soziologendeutsch. "Terrorismus ist ein Symptom gesellschaftlicher Missstände und Problemlagen" – das ist so ein Wegesin-Satz. Mit ihm über das Thema zu reden bedeutet, dass vor allem er darüber redet. Er mag es, sich mit seinem Wissen nach vorn zu dribbeln, einem jungenhaften Spieltrieb freien Lauf lassend. Die modische schwarzweiße Streifenkrawatte um seinen Hals sieht aus, als müsste sie sich an ihren Träger erst noch gewöhnen.

Seinen vorherigen Job hatte Wegesin verloren, weil er kein Alarmist sein wollte. Ende 2004 schasste ihn der brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) als Chef des dortigen Landesamtes für Verfassungsschutz. Wegesin, hieß es, habe die Gefahren des Islamismus unterschätzt. In der Tat hatte Wegesin behauptet, dass eine "große islamistische Gefahr" in Brandenburg nicht zu erkennen sei. Das Kanzleramt, die vorgesetzte Behörde des Bundesnachrichtendienstes, hielt diese Ansicht für nicht vollkommen abwegig. Im Frühjahr 2006 setzte es den Islamkenner als Al-Qaida-Chefaufklärer beim BND ein. Jetzt, als Beamter mit globaler Zuständigkeit, erlaubt sich Wegesin, die islamistische Gefahr ein wenig anders zu beurteilen.

"Der Widerspruch zwischen westlicher und arabischer Welt baut sich weiter auf", antwortet er auf die Frage nach dem Zustand des Globus im Allgemeinen. 30 bis 40 Prozent aller Meldungen, die der BND produziere, stammten aus seiner Abteilung 5, berichtet er. Eine dreistellige Zahl jede Woche. Wie viele Terrorwarnmeldungen die "Fünfer" seit dem 11. September 2001 schon herausgegeben hat – Wegesin weiß es nicht.