Irgendwie erinnert der Mann an eine Suchmaschine. Bestimmte Wörter lassen seine Züge aufleuchten. Man sieht dann förmlich, wie es googelt in Heiner Wegesin. "Huntington" zum Beispiel. Der Name löst beim Antiterrorchef des BND ein Zucken um den Mund aus, das sich als unterdrückter Anflug eines Schmunzelns deuten lässt. Huntington, den Propheten des globalen Kulturkampfs, den Entdecker der neuen Weltunordnung, den hat Wegesin schon 1997 gelesen. Im Original und nebenbei. Im Frankreich-Urlaub, erinnert er sich.

Mittlerweile kennt Wegesin die Werkstatträume des "Clash of Civilizations" nicht nur theoretisch. Er ist der Erste, der die Observationsberichte liest, ob aus Bora-Bora-Bunkern oder arabischen Studentenzimmern. Seit wenigen Monaten ist er Chef der Abteilung 5 des Bundesnachrichtendienstes. Sie ist verantwortlich für Terrorismusaufklärung. Und damit im Wesentlichen für die weitere Karriere des deutschen Auslandsgeheimdienstes.

Wegesin ist so etwas wie die menschgewordene Kulturrevolution des BND. Ein bekennender Achtundsechziger mit strategischer Disziplin, einem Faible für schnelle Computerprozessoren und einem Hang zum Soziologendeutsch. "Terrorismus ist ein Symptom gesellschaftlicher Missstände und Problemlagen" – das ist so ein Wegesin-Satz. Mit ihm über das Thema zu reden bedeutet, dass vor allem er darüber redet. Er mag es, sich mit seinem Wissen nach vorn zu dribbeln, einem jungenhaften Spieltrieb freien Lauf lassend. Die modische schwarzweiße Streifenkrawatte um seinen Hals sieht aus, als müsste sie sich an ihren Träger erst noch gewöhnen.

Seinen vorherigen Job hatte Wegesin verloren, weil er kein Alarmist sein wollte. Ende 2004 schasste ihn der brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) als Chef des dortigen Landesamtes für Verfassungsschutz. Wegesin, hieß es, habe die Gefahren des Islamismus unterschätzt. In der Tat hatte Wegesin behauptet, dass eine "große islamistische Gefahr" in Brandenburg nicht zu erkennen sei. Das Kanzleramt, die vorgesetzte Behörde des Bundesnachrichtendienstes, hielt diese Ansicht für nicht vollkommen abwegig. Im Frühjahr 2006 setzte es den Islamkenner als Al-Qaida-Chefaufklärer beim BND ein. Jetzt, als Beamter mit globaler Zuständigkeit, erlaubt sich Wegesin, die islamistische Gefahr ein wenig anders zu beurteilen.

"Der Widerspruch zwischen westlicher und arabischer Welt baut sich weiter auf", antwortet er auf die Frage nach dem Zustand des Globus im Allgemeinen. 30 bis 40 Prozent aller Meldungen, die der BND produziere, stammten aus seiner Abteilung 5, berichtet er. Eine dreistellige Zahl jede Woche. Wie viele Terrorwarnmeldungen die "Fünfer" seit dem 11. September 2001 schon herausgegeben hat – Wegesin weiß es nicht.

Der 11. September, der islamistische Terrorismus, der Umzug nach Berlin, sie wirken auf den Bundesnachrichtendienst, als drehe jemand den ganzen Apparat um wie eine gewaltige Sanduhr. Beinahe 2000 Mitarbeiter hat der BND laut eigener Zählung in den vergangenen fünf Jahren ausgetauscht, das entspricht einem Drittel der Beschäftigten. Noch einmal so viele sollen in den kommenden Jahren pensioniert und durch junge Leute ersetzt werden. Abteilungsleiter berichten, sie könnten sich vor Bewerbungen kaum retten. Terrorismusbekämpfung gelte eben als "sexy", meint einer.

Der neue BND, der da entsteht, würde nebenbei gern die Gelegenheit nutzen, den Ruf des obskuren Schlapphutclubs abzustreifen. Politiker und Öffentlichkeit sollen den Dienst nach dem Willen seiner Führung ernster nehmen. In Deutschland will der Auslandsgeheimdienst das werden, was Deutschland in der Welt geworden ist – ein souveräner, ambitionierter Player, dessen Meinung gefragt ist.

Lange ist es noch nicht her, dass dem BND ein nahes Ende prophezeit wurde. Der Kalte Krieg sei vorbei – da müsse sich das Land keinen Spionageapparat mehr leisten, hieß es. Fast verzweifelt suchten die Geheimdienstler neue Aufgaben: Organisierte Kriminalität, Geldwäsche und Waffenschieberei, das seien die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.Dann, eines Nachmittags im September, kaperten ein paar junge Muslime vier Passagiermaschinen und verwandelten sie in Lenkwaffen gegen die Weltmacht USA.

Im Schatten des Ost-West-Konflikts, zeigte sich jäh, war eine ungeahnte Bedrohung herangewachsen. Die meisten Bundestagsabgeordneten hatten "al-Qaida" noch nicht richtig buchstabieren gelernt, da schanzten sie dem BND auch schon hektisch Geld und neue Kompetenzen zu (siehe Kasten). Heute zweifeln nicht einmal mehr seine ehemals größten Kritiker an der Notwendigkeit des Nachrichtendienstes.

Wären da nicht diese Altlasten aus dem Kalten Krieg, die der Dienst hinter sich herschleift wie eine Eisenkugel: überaltertes Personal, mangelnde Flexibilität, übertriebene Abschottungsmentalitäten. Auf die alten Kader jedenfalls schieben jüngere BNDler gern die Schuld, wenn wieder einmal etwas schief läuft. Und schief läuft so einiges beim großen Wandel des Dienstes. Denn Modernisierung hin oder her – ein Geheimdienst bleibt ein eigensinniges, lichtscheues Wesen und damit immer ein Kandidat für Skandale.

Herr Wegesin, nach echten Kofferbomben und falschen Alarmen: Wie terrorgefährdet ist denn nun Deutschland wirklich? "Wir sehen, dass auch in Deutschland etwas passieren kann."

Hat der BND schon Anschläge verhindert?

"Wir haben messbare Verhinderungserfolge."

Wann? Wo? Welche? "Es ist die Grundkrux jedes Nachrichtendienstlers, über Erfolge nicht reden zu dürfen."

Mit welchen Methoden die Erfolge bisweilen möglich werden, ist ein weiteres Nichtthema in Agentenkreisen. Fragt man sie, wie sie mit der Tatsache umgehen, dass viele ihrer Informationen aus jenen arabischen Ländern stammen, die für ihre Folterkeller berüchtigt sind, bekommt man zu hören: "Woher wissen Sie, dass im konkreten Fall gefoltert wurde?" Oder es heißt: "Wir sind auf den Schulterschluss mit arabischen Staaten angewiesen – auch wenn ihre Rechtsstaatlichkeit zu wünschen übrig lässt." Was bedeutet: Wer sich in diesem Gewerbe moralisch verhält, riskiert, sich zugleich verantwortungslos zu verhalten – ein unauflöslich anmutendes Dilemma.

Draußen, im Innenhof der Berliner BND-Zentrale, macht die nationale Sicherheit gerade Mittagspause. Ein Pärchen, sie im Sommerrock, er im bunten T-Shirt, schlendert Hand in Hand übers Kopfsteinpflaster. Sie schlecken ein Eis, schauen in den blauen Himmel und wieder hinunter auf ihre Schuhspitzen. Sie plaudern leise, lächeln.

"Es gibt viele Ehen im Bundesnachrichtendienst", hat ein Geheimdienstler gesagt. "Das liegt an dieser besonderen Behördengemeinschaft. Außerdem kann man dann zu Hause auch mal Dampf ablassen." Das Pärchen spaziert weiter, vorbei an dem viereckigen Teich, der vor dem Gebäude des Führungsstabes in die Erde gebaggert ist. Am Rand des Teiches steht ein BND-Mann und versucht, zwei Enten mit Brotkrumen zu füttern. Sie schwimmen in die andere Richtung. Die Tiere fremdeln noch ein wenig mit ihrem neuen Zuhause. Der Teich liegt auf dem Exerzierplatz einer ehemaligen Polizeikaserne im Südwesten von Berlin.

Berlin – der BND ist neuerdings mittendrin statt nur dabei. Er schwimmt, zaghaft noch, mit im großen Haupstadt-Pool. Rund 1400 Beamte des Nachrichtendienstes sind nach eigenen Angaben schon nach Berlin umgezogen. Etwa 2600 arbeiten noch im Hauptquartier in Pullach und in anderen Außenstellen in Süddeutschland. Das Verhältnis soll sich bis zum Jahr 2012 umkehren, dann will der BND eine neue Zentrale in der Chausseestraße in Berlin-Mitte eröffnen. 250000 Quadratmeter groß soll sie werden, den Mitarbeitern Grünflächen bieten und Besuchern einen Souvenirshop. Nur die technische Beschaffung, also Augen und Ohren des Dienstes, bleibt weiter hinter den Mauern von Pullach verborgen.

Das Gehirn des BND, die Abteilung Auswertung, ist schon vor drei Jahren in die Hauptstadt umgezogen, ran an die Regierung. Alle Großkunden des Dienstes, also diejenigen Ministerien, die besonders an den Berichten und Dossiers der Auslandsagenten interessiert sind, liegen plötzlich in S-Bahn-Reichweite: das Kanzleramt, das Verteidigungsministerium, das Auswärtige Amt, das Wirtschafts- und das Innenministerium. Und das Bundeskriminalamt, soweit es sich um Terroristen und andere Schreckensmänner dreht. Wenn im Herbst der feierliche erste Spatenstich für den Berliner Neubau gesetzt wird, ist das größte Hauptstadt-Bauprojekt der nächsten zehn Jahre eröffnet. "Eine gut geschmierte Maschine" entstehe da, sagt ein BND-Mann hoffnungsfroh. Im Souvenirshop sollen dann Golfbälle mit BND-Logo verkauft werden und Unterhosen mit der Aufschrift "Verschlusssache", und die Leute sollen sagen: Guck mal, was für ein niedlicher Geheimdienst!

Noch sitzt Ernst Uhrlau, der Präsident des BND, im dritten Stock über dem Ententeich und ärgert sich. All die Mühe, die seine Vorgänger und er sich in den vergangenen Jahren gegeben haben, dem Nachrichtendienst ein modernes, offenes Image zu verpassen, all die Beschwörungen von Öffnung und Transparenz – vergebens. Uhrlaus Laden gilt mehr denn je als Skandalmaschine. Seit der ehemalige Geheimdienstkoordinator im Kanzleramt Ende vergangenen Jahres den Posten vom Vorgänger August Hanning übernahm, ist er vor allem mit Krisenmanagement beschäftigt.

Denn wer im Rampenlicht der Hauptstadt steht, der lockt auch Journalisten an. In mancher Redaktionsstube weckte die neue Nähe der Spione den Jagdinstinkt. Zum einen, weil es Schlagzeilen verspricht, zu wissen, was die Geheimen wissen. Bin Laden, Nuklearschmuggel, Geiseln im Irak, Raketen aus Iran – das sind Hinguckerthemen. Vor allem aber interessiert die Presse, was der BND so treibt hinter dem Rücken des Souveräns. Wer Informationen geheim hält, muss schließlich etwas zu verbergen haben. Und wer etwas zu verbergen hat, der hat wohl ein schlechtes Gewissen.

Das Misstrauen, so zeigt sich immer wieder, ist berechtigt. Da kam heraus, dass BND-Agenten ihren amerikanischen Kollegen vor dem Irak-Krieg Informationen aus Bagdad lieferten, während die Bundesregierung sich als "Friedensmacht" verkaufte. Es kam ans Licht, dass BND-Beamte ins Internierungslager Guantánamo reisten, um den dort einsitzenden Deutsch-Türken Murat Kurnaz zu befragen. Schließlich die Enthüllung, Observierungskommandos des BND stellten kritischen Journalisten nach. Kaum waren die Geheimen in Berlin angekommen, gerieten sie unter Dauerbeschuss. Am Ende setzte der Bundestag einen Untersuchungsausschuss ein. Einige schreibende Kollegen verglichen die Tragweite der Journalisten-Aktionen mit der Spiegel - Affäre von 1962. Andere fühlten sich gar an Stasi-Methoden erinnert.

"Misthaufen!" – so nannte der grüne Abgeordnete Volker Beck den BND im Frühsommer. Da feierte der Geheimdienst gerade sein 50-jähriges Bestehen. Seit seiner Gründung leidet er unter einer widersprüchlichen Kritik. Man traut dem Dienst abwechselnd alles zu und nichts. Bundeskanzlerin Merkel versuchte die Agenten zu trösten. Ein "unentbehrlicher Dienstleister der Bundesregierung" sei der BND, sagte sie ihnen auf der Geburtstagsparty im Deutschen Historischen Museum.

Präsident Uhrlau spielt nicht herunter, welchen Schaden der BND für das Vertrauen in die rechtsstaatliche Kultur in Deutschland angerichtet hat. "In den Fällen, bei denen Journalisten rechtswidrig beobachtet worden sind, habe ich mich entschuldigt", sagt er. Und: "Es ist leicht, alles in einen Topf zu werfen. Der Topf wird dann schneller gefüllt." Uhrlau ringt sich ein trockenes Lächeln ab.

Die gelegentlichen Seufzer und die Art, wie Uhrlau den Blick zur Seite wendet, bevor er einen Einwurf pariert – sie scheinen zu fragen: Ist das vielleicht die Art, wie man es einem scheuen Tier dankt, wenn es sich endlich einmal zeigt? Nein, das Image des wild wuchernden Spitzelapparats will er an seinem Dienst nicht kleben lassen. "Wir sind schließlich nicht mehr in den sechziger oder siebziger Jahren, wo Sie als Klempner an den Hauskasten gehen und dort ein Tonband einsetzen konnten. Das ist eine Vorstellung von Klein Fritzchen."

Was das Inland betrifft, mag Uhrlau da Recht haben. Doch die landläufige Vorstellung von den Dunkelmännern mit der Lizenz zum Lauschen ist so naiv nicht, wenn es um die Aktivitäten des BND im Ausland geht. Jenseits der deutschen Grenzen, in ihrem eigentlichen Zuständigkeitsbereich also, verstoßen BND-Mitarbeiter andauernd gegen Gesetze. Raketenreichweiten, Armeestärken, Details über Waffen und Militärpläne – gerade die besonders geschützten Staatsgeheimnisse sind für den Auslandsgeheimdienst von höchstem Interesse. Um an sie heranzukommen, müssen sich Agenten zwangsläufig die Hände schmutzig machen. "Notwendige operative Freiheit" lautet der sachlich-behördliche Begriff für Spionage.

Kann es nicht sein, dass es Leute gibt im Bauch des BND, die glauben, sie könnten auch im Inland gesetzliche Grenzen überschreiten? Denen möglicherweise das Gespür fehlt für die Bedeutung der Pressefreiheit? "Eine Großorganisation", sagt Uhrlau, "muss auch mit Fehlern von Mitarbeitern umgehen und daraus lernen können." Und dann deutet er ganz vorsichtig an, was andere BND-Mitarbeiter viel offener schildern. Dass es da eben auch noch diesen alten Geheimdienst gebe, diesen BND des Kalten Krieges, der Schlapphüte und Sprengkopfzähler, diese schon etwas altgedienteren Mitarbeiter mit bayerischer Mundart, die von "denen da" sprechen, von "denen da in Berlin", die alles "neu machen wollen". Leute, deren Zeit eigentlich abgelaufen sei, die aber, neue Weltordnung hin oder her, Beamte seien.

Seit das Zuständigkeitsgebiet der ehemaligen Ostblock-Beobachter 1989/90 im Mülleimer der Geschichte verschwand, versuchen einige von ihnen offenbar krampfhaft, ihre Energie auf andere Kampfplätze umzuleiten. Als besonders windstille Ecke im BND gilt heute die Abteilung 8, Sicherheit und Spionageabwehr. Früher war sie ein bedeutendes Ressort; es ging darum, Doppelagenten aus dem Sowjetreich vom Dienst fern zu halten oder zu enttarnen. Von solchen Strolchen gibt es heute nur noch wenige. Und al-Qaida hat, soweit man weiß, auch noch keine Maulwürfe geschickt. Spätestens seit die Journalistenaffäre publik wurde, gilt die Abteilung 8 selbst innerhalb des BND als Biotop mit sumpfigem Eigenleben. Ihre Observierungstrupps verfolgten einen Reporter bis in die Tiefgarage seines Verlags hinein. Sie stellten vollkommen harmlosen Fachautoren nach und richteten eine Kamera auf das Büro des BND-Kritikers Erich Schmidt-Eenbohm. Solche Jagdszenen scheinen nicht von dieser Welt zu sein, eher aus den Zeiten ost-westlicher Paranoia.

Ernst Uhrlau hingegen präsentiert sich in seinem hypersachlichen Berliner Büro als charmanter, unaufgeregter Pragmatiker. Typ Oberarzt. Bei Fragen allerdings, die seine persönliche Verantwortlichkeit berühren, wird sein Ton außerordentlich vage. Warum, zum Beispiel, hat er als Geheimdienstkoordinator im Kanzleramt ein Angebot der amerikanischen Regierung abgelehnt, den in Guantánamo internierten Deutsch-Türken Murat Kurnaz nach Deutschland ausfliegen zu lassen? Uhrlau entzieht sich, zündet eine rhetorische Blendgranate nach der nächsten. "Abwägungsfragen" seien das gewesen, irgendwie. Eine schlüssige Erklärung kann er nicht liefern.

Es klopft. Eine Mitarbeiterin reicht Uhrlau einen Zettel herein. Im Irak ist vor ein paar Minuten der Terroristenführer Abu Musab al-Sarqawi getötet worden. Die Meldung stammt von der Nachrichtenagentur Reuters. Unter den Druckzeilen steht ein handschriftlicher Vermerk: "Abt. 5 bestätigt." Heiner Wegesin, ihrem Chef, steht ein langer Tag bevor.

Im versprengten Milieu der Islamisten versuchen die Al-Qaida-Spezialisten des BND den Überblick zu behalten. "Einen sportlichen Vitalitätsüberschuss" brauche man, um an der Terrorszene dranzubleiben, sagt Wegesin. Damit das stimmt, wird man wohl auch Kreuzworträtsel als Sportart gelten lassen müssen. Denn Verfolgungsjagden auf bombentragende Islamisten über Wüstenkämme sind das Hollywood-Klischee vom Geheimdienstgewerbe, akribische Wissensarbeit mit Hilfe von Hunderten Computerdateien zumeist die Realität. Ein Netzwerk bekämpft man mit einem Netzwerk, lautet die Faustregel der Al-Qaida-Verfolger.

Und doch, irgendwer muss die Computer schon füttern, mit Namen, Handynummern, Bewegungsprofilen und Freundeskreisen. Wegesin gesteht, dass er noch mehr Agenten draußen gebrauchen könnte. "Die Aufklärung muss noch ein bisschen robuster werden. Wir brauchen Leute, die sich in gefährlichen Milieus verantwortlich bewegen können."

Immerhin, Wegesins Abteilung genießt das Privileg, ihre Zuträger im Ausland zu kennen. Traditionell herrscht beim BND eine strikte Trennung zwischen den Beschaffern und den Auswertern der Informationen. Need to know lautet das Prinzip: Jeder soll nur wissen, was er zur Erfüllung seines Jobs wissen muss. Jeder Mitwisser mehr ist ein potenzielles Leck mehr. Unter den 500 in- und ausländischen Mitarbeitern der Abteilung 5, so Wegesin, regiere bereits das need to share- Prinzip: Nur vereintes Wissen ist starkes Wissen. Nach und nach, so malen es BND-Offizielle aus, sollen die alten Abschirmregeln, die den BND durchziehen wie Schotte einen Schiffsrumpf, ganz wegfallen.

Da sind sie wieder, die bunten T-Shirts, Jeans und Designerbrillen. Junge Damen im legeren Sommerdress, junge Männer mit Strubbelfrisuren. Würden sie nicht so auffällig leise reden, man könnte glauben, die Kantine gehöre zu einer Werbeagentur. An den Wänden des Speisesaals hängen Repros von Filmplakaten. Ironisch belächeln die jungen Leute beim Lunch die Kinowelt der Gut-Böse-Schemata. Casablanca, Once upon a Time in the West, und, na klar, 007. Über einem Teller Salat wird eine junge BND-Mitarbeiterin gesprächig. Sie ist über die Bundeswehr beim BND gelandet, wie so viele hier. Was bedeutet es fürs Privatleben, für einen Geheimdienst zu arbeiten?

"In einem normalen Gespräch würde ich nicht sagen, dass ich beim BND bin", erzählt sie. Dabei gebe es keine Dienstvorschrift, die das verböte. "Ich will einfach vermeiden, dass sich das ganze Gespräch dann nur noch um den Beruf dreht." Schön sei allerdings, "dass man mittlerweile sagen kann, man arbeitet beim BND, ohne Freunde zu verlieren". Neulich, erzählt sie, habe der kleine Sohn einer Bekannten gefragt, ob das stimme, dass Geheimagenten die Welt retten. "Da habe ich nicht widersprochen." War das nicht ein klein wenig geschummelt? "Ich finde, man kann Kindern doch ihre Träume lassen."

Sie hat eine selbstbewusste Strenge im Blick, diese Generation Golfkrieg. Sie ist, anders als ihre Vorläufer, ohne die weltanschaulichen Grabenkämpfe der Blockkonfrontation aufgewachsen. Systemkonflikte? Die herrschen heute allenfalls zwischen Mac und PC. Vorbei die Zeiten, da BNDlern der Ruf kommunistenfressender Sonderlinge und Schmuddelkinder der Behördenwelt vorauseilte. Die Nach-Wende-Jugend ist effizienzorientiert, ideologiefrei und lernt sogar Arabisch.

Gefragt, ob die biometrische Gesichtskontrolle am Pförtnerhäuschen auch nach einer langen Partynacht noch funktioniere, finden die Nachwuchs-Agenten das nur bedingt witzig. Über das Thema Sicherheit scherzt man nicht. "Das ist hier schließlich keine Keksfabrik", heißt es dann. Hinter diesem Pförtnerhäuschen, bitte schön, lagern kiloweise Staatsgeheimnisse.

Wie werden die eigentlich produziert? Der Arbeitstag im Berliner BND-Quartier beginnt in der Nacht. Eine Hand voll Mitarbeiter beobachtet im Lagezentrum das Weltgeschehen. Ein Mann blickt konzentriert auf einen Flachbildschirm, auf dem Meldungen eingehen. Als Tischunterlage dient eine Weltkarte. Ein paar Meter weiter hat ein Kollege einen kleinen hölzernen Tischständer mit einer Deutschlandflagge aufgestellt. Hinter ihnen, im Raum der "Technischen Kommunikation und Überwachung", flimmern vier Fernsehbildschirme. Die Qualität der Programmauswahl liegt knapp unterhalb der laienhaften Erwartung: CNN, n-tv, Vox und al-Dschasira. Videorekorder stehen zum Mitschneiden bereit. Über einem Faxgerät hängt eine detaillierte Karte von Afghanistan.

Der BND wird zunehmend in die Pflicht genommen für die force protection, den Schutz deutscher Soldaten in Auslandseinsätzen. Neben der Karte hängt ein Poster mit dem Gesicht einer verschlafenen Katze. "There is no life before coffee" steht unter ihrer zerknautschten Schnauze. Bürowandprosa wie im Bezirksgrünflächenamt. Gut 5000 Meldungen liefen Tag für Tag im Führungs- und Informationszentrum (FIZ) auf, sagt einer, der hier arbeitet.

Früh um 7.15 Uhr dann hat die Nachtschicht aus der Nachrichtenflut eine "Ereignisübersicht" destilliert. Heute umfasst sie zehn Kurzmeldungen. Möglicherweise bedeutsame Entwicklungen spielen sich ab im Irak, in Afghanistan, im Sudan, im Kongo, in Angola, Nigeria, Bosnien, Serbien und Nordkorea. "BBC" ist auf der Übersicht hier und da als Quelle angegeben. 10 bis 20 Prozent der Meldungen, heißt es, stammten aus "BND-eigenen Quellen im Feld".

Und der Rest? Aus offenen Quellen? Aus dem Fernsehen und von Nachrichtenagenturen? Nein, widerspricht ein BND-Mitarbeiter. Presseberichte könnten als Anlass dienen, nachzufragen, aber man habe schon eigene Zugänge. Und da gebe es ja auch noch die Partnerdienste. Die amerikanische CIA ist angeblich der wichtigste. Dann kommen die Briten, die Franzosen. Aber recherchieren all die Agenten zwangsläufig besser als die vielen tausend Journalisten rund um den Globus? Immer wieder wird dem BND nachgesagt, er wisse auch nicht viel mehr als gut informierte Redaktionen. Nachzuprüfen ist das nicht.

Wenn es um ihre Quellen geht, werden die Beamten schmallippig wie Köche, die man nach ihren Rezepten fragt. Vielsagend ist dann nur noch ihr Lächeln. Einer zieht dem Reporter die Mappe mit der Meldungsübersicht weg. Schluss jetzt. Stand da vielleicht doch zu oft "BBC"?

Wenn die BND-Mitarbeiter der Abteilung Auswertung durch die morgendliche Gesichtskontrolle geschlüpft sind, werden sie die Übersicht aus der Nachtschicht als "Warnfolie" auf ihren PCs finden. Im FIZ beraten ihre Vorgesetzten derweil, welche Meldungen für die Bundesregierung im Tagesverlauf besonders interessant sein könnten. Um 9.15 Uhr steht die "Agenda-Endfassung", das Programm des Tages. Es legt fest, welche Meldungen zu Berichten an die Bundesregierung anwachsen; ob es heute eher in Afghanistan brennt oder im Kongo. Bis 10 Uhr haben die Fachauswerter für die jeweiligen Weltregionen Zeit, sich in die aktuelle Lage einzuarbeiten. Dann erwartet sie einer der beiden BND-Vizepräsidenten im großen Konferenzraum des FIZ – und da sieht es nun wirklich einmal aus wie im Spionage-Thriller.

Aus blau-grauen Tischreihen, angeordnet in Hufeisenform, recken sich Mikrofone in den Raum, die Wände sind mit hellem Holz vertäfelt. Statt Fenstern sind vier mannshohe Monitore in die Stirnseite des Raumes eingelassen. Ein unsichtbarer Regisseur kann per Knopfdruck Videokonferenzen in die wichtigsten Regierungsstellen und Bundesbehörden schalten. Ins Kanzleramt, ins Verteidigungsministerium, ins Auswärtige Amt, ins Innenministerium, ins Bundeskriminalamt, aber auch zu den German National Intelligence Cells (GENICS) auf dem Balkan und in Kabul. Gerade ist ein Konferenzraum in Pullach zugeschaltet. Im Fluchtpunkt, am Ende eines Tisches, sitzt ein einsamer BND-Beamter. Er winkt, als wolle er zeigen, dass er lebt.

Nicht ganz ohne technischen Stolz lässt ein Mitarbeiter im FIZ zu Demonstrationszwecken eine farbige Reliefaufnahme von einer Bergregion einblenden. "Satellitenbilder in 3D-Konfiguration. Das geht natürlich auch." Neben den Monitoren zeigen blaue Digitalziffern die wichtigsten Uhrzeiten östlich und westlich des Berliner Sonnenstandes an. Moskau und Peking, New York und London. Horst Köhler lächelt scheu und etwas zu hoch aufgehängt aus dem Fotorahmen. Hinter einem Rednerpult stehen drei Flaggen. Deutschland, Europa, Berlin.

"Was sich hier allmorgendlich abspielt", berichtet einer, der fast täglich dabei ist, "erinnert an eine Redaktionskonferenz." Zwischen 40 und 50 Fachauswerter nehmen an den Tischen Platz und tragen vor, auf welche Weise sie der Bundesregierung weiteren Bericht erstatten wollen. Aus Geheimdienstlern werden Redakteure. Das Wichtigste nach vorn – und immer an die Leser denken. Was erwartet das Kanzleramt jetzt? Eine Meldung, einen Bericht oder ein Dossier?

Das Topthema diktieren an diesem Morgen die Redaktionen der Fernsehsender und Zeitungen. Abu Musab al-Sarqawi, der Schlächter von Bagdad, ist tot. Den BND-Mitarbeitern ist klar, ihre Kunden werden jetzt schnellstens wissen wollen, wie die Liquidierung des Terroristen zu bewerten sei. Der Ball geht an die "Fünfer", die Abteilung von Heiner Wegesin. Er sagt nichts dazu, aber wahrscheinlich forscht seine Abteilung gerade, zwischen welchen Islamisten jetzt die Telefondrähte glühen. "SIGINT", Signal Intelligence, kann den Geheimdienstlern Aufschluss liefern über Befehlsstrukturen, Aktivitäten und Aufregung im Terroristenmilieu. Sprich, über möglicherweise bevorstehende Anschläge.

Warum, Herr Wegesin, wollen diese Leute eigentlich töten? "Wir sehen große kulturelle und ideengeschichtliche Bruchlinien. In der arabischen Welt gibt es starke Marginalisierungsgefühle. Die Provokation durch den Westen dringt durch die Globalisierung bis ins letzte Dorf."

Verstehen Sie die Terroristen? "Auf der kognitiven Ebene lassen sich Terroristen verstehen, vielleicht auch auf der psychologischen. Aber es gibt eine transkulturelle Barriere, die die Schlüsselfrage What makes them tick? schwierig zu beantworten macht. Auf der Metaebene müssen wir uns fragen: Warum machen die das?"

Auf der Metaebene, da gebraucht Wegesin Begriffe wie "Fremdbestimmung", "selbst definierte Opferrolle" und "Robin-Hood-Strategeme". Auf der Mikroebene gleicht seine Arbeit der Suche nach der Nadel im – nein, eben nicht im Heuhaufen. Schlimmer: im Nadelhaufen. "Wir diskutieren gerade sehr stark den homegrown terrorist", sagt er. Hausgemachte Terroristen wie die Bombenattentäter von London. Aufgewachsen im Westen, scheinbar integriert, können sie in derselben Straße leben wie ihre nichtmuslimischen Schulkameraden – und doch in einer völlig anderen Welt.

Es gibt ihn eben nicht, den typischen Terroristen. Es gibt Überraschungen. Der Gegner ist ein bewegliches Netz, und die Aufklärer müssen immer eine Spur flexibler sein. Wissen, was passiert, bevor etwas passiert. Und dieses Wissen im selben Moment an die Regierung weitergeben. "Echtzeitfähigkeit" nennt Wegesin das.

Wie eine Verkehrsampel hat der BND die Welt in drei Signalstufen eingeteilt. Stufe Rot: 25 "Kernländer", heißt es, lägen im Zentrum der Beobachtung. "Da machen wir alles, was wir können." Auf Stufe Gelb stünden 45 "Monitoring-Länder", in denen lediglich offene Quellen ausgewertet würden – "Presse, unsere Partner, die Residenturen". Bleiben 130 Länder auf Stufe Grün übrig. "Aus denen", sagt der Leiter der Abteilung Auswertung, Rudolf Dürr, "können wir bei Krisen nur so gut und so schnell berichten, wie es geht." Den Kongo etwa habe der BND zwar "ziemlich stark in der Optik", er gehöre aber nur zu den Monitoring-Ländern. Obwohl dort deutsche Soldaten stationiert sind. "Die Bundeswehr verlangt natürlich auch force protection, das heißt, die wollen wissen, welche Waffen stehen auf welchem Hügel", sagt Dürr. "Aber das können wir nur begrenzt."

Seine Abteilung sei mit ihren 750 Mitarbeitern ohnehin schon ausgelaugt. 2000 Dossiers verfassten seine Analytiker jedes Jahr, in 400 elektronischen Datenbanken müssten sie sich zurechtfinden und dazu Extrastress: nukleare Aufrüstung in Iran, Entführungen im Irak, Raketentests in Nordkorea. "Meine Abteilung arbeitet in vielen Bereichen jenseits der Kapazitäten. Ich muss die Leute bis zum Burn-out belasten. Außerdem habe ich die Sorge, dass ich die Bundeswehr nicht richtig versorgen kann. Hier hat der Dienst ein wirkliches Problem."

Nebenan, in der Abteilung 5 von Heiner Wegesin, sprechen die BND-Mitarbeiter jetzt vielleicht mit ihren Kollegen von den "Partnerdiensten" im "Namo", wie es hier heißt, im Nahen und Mittleren Osten. Vielleicht wissen die schon mehr über die Folgen des Todes von al-Sarqawi. Die Jordanier sollen gut informiert sein über die Dschihadisten in der Gegend. Und die Syrer. Manchen Wissensvorsprung mögen sich die Partner im Namo mit Elektroschocks und Schlägen verschafft haben.

Folter und ihre Früchte – das ist ein Thema, bei dem die meisten BNDler schnell abwinken. Man dürfe den Partnern keine unsauberen Praktiken unterstellen, außerdem gebe es "rote Linien", die der BND nicht überschreite.

In Wahrheit muss man Partnern wie Ägypten oder Syrien das Schlimmste unterstellen. In Wahrheit hat der BND meist keine Ahnung, wie in den Gefängnissen dort bestimmte Informationen erzeugt werden. In Wahrheit macht sich niemand beim BND große Gedanken darüber, dass der Dienst womöglich mithilft, im Antiterrorkampf einen Markt für Foltergeständnisse zu schaffen. Es gibt Dinge, die will selbst der BND nicht wissen. "Manche Kanäle", sagt ein Terrorristenjäger, "müssen gepflegt werden, auch wenn sie dunkel sind."

Al-Sarqawi ist tot. Herr Wegesin, knallen da heute die Sektkorken? "Man braucht hier analytische Nüchternheit und intellektuelle Disziplin", sagt er. "Da tanzt man nicht durch die Gänge."

Vom Autor erschien soeben der Band "Beruf Terrorist – Ein Tagebuch der neuen Weltunordnung" (Nordthor Verlag). Es bündelt ZEIT-Glossen und Blog-Einträge aus den vergangenen fünf Jahren zum Thema Terrorismus
Zum Blog von Jochen Bittner "

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