Die gelegentlichen Seufzer und die Art, wie Uhrlau den Blick zur Seite wendet, bevor er einen Einwurf pariert – sie scheinen zu fragen: Ist das vielleicht die Art, wie man es einem scheuen Tier dankt, wenn es sich endlich einmal zeigt? Nein, das Image des wild wuchernden Spitzelapparats will er an seinem Dienst nicht kleben lassen. "Wir sind schließlich nicht mehr in den sechziger oder siebziger Jahren, wo Sie als Klempner an den Hauskasten gehen und dort ein Tonband einsetzen konnten. Das ist eine Vorstellung von Klein Fritzchen."

Was das Inland betrifft, mag Uhrlau da Recht haben. Doch die landläufige Vorstellung von den Dunkelmännern mit der Lizenz zum Lauschen ist so naiv nicht, wenn es um die Aktivitäten des BND im Ausland geht. Jenseits der deutschen Grenzen, in ihrem eigentlichen Zuständigkeitsbereich also, verstoßen BND-Mitarbeiter andauernd gegen Gesetze. Raketenreichweiten, Armeestärken, Details über Waffen und Militärpläne – gerade die besonders geschützten Staatsgeheimnisse sind für den Auslandsgeheimdienst von höchstem Interesse. Um an sie heranzukommen, müssen sich Agenten zwangsläufig die Hände schmutzig machen. "Notwendige operative Freiheit" lautet der sachlich-behördliche Begriff für Spionage.

Kann es nicht sein, dass es Leute gibt im Bauch des BND, die glauben, sie könnten auch im Inland gesetzliche Grenzen überschreiten? Denen möglicherweise das Gespür fehlt für die Bedeutung der Pressefreiheit? "Eine Großorganisation", sagt Uhrlau, "muss auch mit Fehlern von Mitarbeitern umgehen und daraus lernen können." Und dann deutet er ganz vorsichtig an, was andere BND-Mitarbeiter viel offener schildern. Dass es da eben auch noch diesen alten Geheimdienst gebe, diesen BND des Kalten Krieges, der Schlapphüte und Sprengkopfzähler, diese schon etwas altgedienteren Mitarbeiter mit bayerischer Mundart, die von "denen da" sprechen, von "denen da in Berlin", die alles "neu machen wollen". Leute, deren Zeit eigentlich abgelaufen sei, die aber, neue Weltordnung hin oder her, Beamte seien.

Seit das Zuständigkeitsgebiet der ehemaligen Ostblock-Beobachter 1989/90 im Mülleimer der Geschichte verschwand, versuchen einige von ihnen offenbar krampfhaft, ihre Energie auf andere Kampfplätze umzuleiten. Als besonders windstille Ecke im BND gilt heute die Abteilung 8, Sicherheit und Spionageabwehr. Früher war sie ein bedeutendes Ressort; es ging darum, Doppelagenten aus dem Sowjetreich vom Dienst fern zu halten oder zu enttarnen. Von solchen Strolchen gibt es heute nur noch wenige. Und al-Qaida hat, soweit man weiß, auch noch keine Maulwürfe geschickt. Spätestens seit die Journalistenaffäre publik wurde, gilt die Abteilung 8 selbst innerhalb des BND als Biotop mit sumpfigem Eigenleben. Ihre Observierungstrupps verfolgten einen Reporter bis in die Tiefgarage seines Verlags hinein. Sie stellten vollkommen harmlosen Fachautoren nach und richteten eine Kamera auf das Büro des BND-Kritikers Erich Schmidt-Eenbohm. Solche Jagdszenen scheinen nicht von dieser Welt zu sein, eher aus den Zeiten ost-westlicher Paranoia.

Ernst Uhrlau hingegen präsentiert sich in seinem hypersachlichen Berliner Büro als charmanter, unaufgeregter Pragmatiker. Typ Oberarzt. Bei Fragen allerdings, die seine persönliche Verantwortlichkeit berühren, wird sein Ton außerordentlich vage. Warum, zum Beispiel, hat er als Geheimdienstkoordinator im Kanzleramt ein Angebot der amerikanischen Regierung abgelehnt, den in Guantánamo internierten Deutsch-Türken Murat Kurnaz nach Deutschland ausfliegen zu lassen? Uhrlau entzieht sich, zündet eine rhetorische Blendgranate nach der nächsten. "Abwägungsfragen" seien das gewesen, irgendwie. Eine schlüssige Erklärung kann er nicht liefern.

Es klopft. Eine Mitarbeiterin reicht Uhrlau einen Zettel herein. Im Irak ist vor ein paar Minuten der Terroristenführer Abu Musab al-Sarqawi getötet worden. Die Meldung stammt von der Nachrichtenagentur Reuters. Unter den Druckzeilen steht ein handschriftlicher Vermerk: "Abt. 5 bestätigt." Heiner Wegesin, ihrem Chef, steht ein langer Tag bevor.

Im versprengten Milieu der Islamisten versuchen die Al-Qaida-Spezialisten des BND den Überblick zu behalten. "Einen sportlichen Vitalitätsüberschuss" brauche man, um an der Terrorszene dranzubleiben, sagt Wegesin. Damit das stimmt, wird man wohl auch Kreuzworträtsel als Sportart gelten lassen müssen. Denn Verfolgungsjagden auf bombentragende Islamisten über Wüstenkämme sind das Hollywood-Klischee vom Geheimdienstgewerbe, akribische Wissensarbeit mit Hilfe von Hunderten Computerdateien zumeist die Realität. Ein Netzwerk bekämpft man mit einem Netzwerk, lautet die Faustregel der Al-Qaida-Verfolger.