Die einzige Aussicht, die sich nach der Landtagswahl für die Berliner Kultur eröffnet, ist der freie Blick von Schinkels Friedrichwerderscher Kirche bis hin zum Fernsehturm: das architektonische Glacis im Zentrum der Hauptstadt, der Riesenrasen, die leere depressive Mitte, die sich auftut, sobald die Ruine des Republikpalastes weggeräumt sein wird und nicht mehr Wohnwagen und Wurstbuden den Anblick des ehemaligen Schlossareals prägen. Zuversicht im Berliner Kulturmilieu herrscht natürlich nicht. Trotz, nein wegen der Wahl.

Denn die neue alte Stadtregierung, ob im Rahmen einer Zweier- oder Dreierkoalition, wird ihre Politik der Haushaltskonsolidierung fortsetzen. Mehr Berliner Geld für die Kultur wird es nicht geben, auch nicht höhere Bundeszuschüsse. Und das nächste Kulturschiff, das in schweres Wasser geraten wird, wäre also die Opernstiftung.

Dass sie bis 2009 ihre Sparziele erreicht, ist praktisch ausgeschlossen. Sie waren von Anfang an utopisch, aber keiner wollte das sagen, weil das Zustandekommen der Stiftung lange Zeit das eigentliche Ziel war. Die Opernstiftung ist das Renommierprojekt der Berliner Kulturpolitik, symbolisch so hoch gehängt wie die Gesundheitsreform der Großen Koalition.

Die drei Berliner Opern haben zwar gespart, aber es gelang ihnen nicht, den anderen Teil des ursprünglichen Konzepts einzulösen, gleichzeitig ihre Einnahmen zu erhöhen. Heute, das hat sich gezeigt, existiert in Berlin kein Publikum, das regelmäßig drei Opernhäuser füllt – zumal wenn die ihre Spielpläne nicht gegeneinander profilieren.

Die Linie des rot-roten Senats bleibt: Fürs Hauptstädtische soll der Bund am besten komplett aufkommen. Diese Taktik kann bald mit der Schließung eines Opernhauses enden – wenn nicht der Bund am Ende doch noch den Opernsündenfall begeht und ein Haus in seine finanzielle Regie nimmt. Oder noch mehr Bundesgeld nachschießt. Oder die Sparziele der Stiftung bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag aufgeschoben werden.

Wird Thomas Flierl wieder Kultursenator? Immerhin hat er während seiner Amtszeit außer den Berliner Symphonikern nicht Bedeutsames abwickeln müssen. Bestandswahrung bedeutet für einen Berliner Kultursenator Erfolg. Flierl berief einige bemerkenswerte Theaterintendanten und Dirigenten. Matthias Lilienthals Theater Hebbel am Ufer läuft gut, und gerade eröffnet in Friedrichshain das Radialsystem V als Plattform für den zeitgenössischen Tanz. Bewegung nach vorn ist also noch. Aber Flierl trägt das Image des rückwärts gewandten PDS-Ossi. Im alten Kultur-Westberlin löst einer wie er immer noch Ängste und echte Verärgerung aus. Er gilt als Vertreter eines vernagelten postkommunistischen Nostalgiemilieus.

Wo Flierl ist, bricht ostwestlicher Kulturkampf los. Wie etwa nach der Berufung von Christoph Hein ans Deutsche Theater oder nach jener unseligen Alt-Stasi-Veranstaltung, auf der der Senator sein protestierendes Wort nicht erhoben hatte, als es sein musste. Sobald es um die Organisation des Gedenkens an die DDR-Diktatur geht, steht Flierl unter Ideologieverdacht. Vermutlich sogar zu Recht. Mit seinem Geschwurbel vom "differenzierten Geschichtsbild" gehört er auch in der Linkspartei nicht zu jenen, die endlich und unmissverständlich raus wollen aus der alten Kaderverschlingung.