Die Überlebende – Seite 1

Einige Dinge bleiben. Die Möbel. Das Gehäuse der Wohnung. Der trutzige Apartmentblock an der Upper East-Side Manhattans, das arglose Schlendern der Touristen unten auf der Madison Avenue. Das Gedröhne der Busse durch die steinernen Schluchten hoch nach Norden, runter nach Süden zum Battery Park, von wo aus man die Freiheitsstatue sehen kann, wie sie sich in den kurzen grauen Wellen aufreckt, die sich keinesfalls zu Wogen auftürmten an jenem Dezembertag vor zwei Jahren, als es geschah, die gar nicht daran dachten, das nasse Ungeheuer zu geben, das sich mit Wut am Fähranleger hochstemmt, den Broadway hochstrudelt, alles mit sich reißend, Menschen, Busse, Taxis, ganz Manhattan verschlingend – alles in New York blieb wie immer an jenem Tag. Joan Didion, fotografiert in New York 2001 BILD

Der Tag, an dem John Gregory Dunne, Schriftsteller, verheiratet mit Joan Didion, Schriftstellerin, an einem Herzinfarkt starb – hier, wo wir heute sitzen, vor dem Kamin. Kleiner Glastisch, darauf mit Sorgfalt gestapelte Bildbände, über Gartenkunstwerke und andere Kostbarkeiten. Es geschah am 30. Dezember 2003. Sie hatte einen Notarzt gerufen. Vergebliche Wiederbelebungsversuche. Abtransport der Leiche. Die Frage, ob Joan Didion, nun Witwe, einer Organspende zustimmen würde: die seiner Augen. Wie redet man über Unaussprechliches. Man schweigt.

Wie konnte der Schrecken Sie so überraschen, Sie haben immer über das Bedrohliche im Leben geschrieben?
»Ich hatte geglaubt, ich könnte Kontrolle durch Erwartung ausüben. Ich hatte geglaubt, es könne mir nicht passieren, weil ich dem Schrecken gerade ins Auge gucken würde.«
Sie dachten, Sie würden verschont?
»Ja.« (Pause) »Ja.«
Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben, auf diesen Satz kommen Sie in Ihrem Buch immer wieder zurück.
»Aber ich hatte darüber nicht wirklich nachgedacht.«

Joan Didion ist eine Intellektuelle. Nachdenken ist ihr Beruf. Ungeachtet ihrer Winzigkeit, ihrer Fragilität, ihrer zögernden leisen Sprache, ist Joan Didion seit Jahrzehnten eine der überragenden Gestalten in der Landschaft der amerikanischen Intellektuellen. Eine gefürchtete Kommentatorin politischer Prozesse, eine Porträtistin politischer Eitelkeiten, die sie in brillanten Essays ausbreitet. Eine wie Susan Sontag oder Mary MacCarthy, eine Unbestechliche wie Barbara Ehrenreich, eine Scharfzüngige wie Dorothy Parker und wie alle die großen Autorinnen heißen, um die wir Amerika beneiden.

Verdeckte Schweinereien wie die Unterstützung der Contras in Nicaragua durch die Nixon-Administration sind Didion Kulisse für düstere Romane, in denen durchtriebene Macher und (kleine, zarte, leise) Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs auftreten. Didion hat sich bewiesen als unsentimentale Betrachterin von zur Sentimentalität neigenden Massenbewegungen wie die der Hippies oder der Feministen, als Reporterin mit kaltem Blick. Ein Mädchen verkleidet als 70-Jährige. Blondweißer Bob, ein Kaschmirtop, weiß und ärmellos. »I like your dress«, sagt sie, sich vorbeugend aus ihrem viel zu großen Sessel, in ihrer Raspelstimme, die Vokale genussvoll dehnend. »I haven’t seen such a pretty silk dress since 1957 when I left New York for California.« Dann öffnet sie den Mund, der erstaunlich breit geschnitten ist, und lässt ihr unverschämt amüsiertes Lachen hören.

Ich drehe mich auf Anweisung. Es ist tatsächlich ein Kleid meiner Mutter aus den fünfziger Jahren, ich zeige ihr, welche Blume ich damals auf Augenhöhe hatte, wir lachen, und das Lachen steht zwischen den Bildern von Quintana, ihrer Tochter, den Bildern von Quintana und John, von Joan und Quintana, es ist ein Lachen unter den Blicken der Toten. Die Bilder stehen auf den Regalen, dem Kaminsims, auf Kommoden, Konsolen. Quintana als Teenie, Quintana als Baby, in den Armen einer jungen Frau, Quintana als Braut, noch nicht mal ein Jahr, bevor sich eine Grippe in eine Lungenentzündung entwickelte, eine Sepsis wurde, worauf man sie in ein Koma versetzte, in welchem Zustand Joan und ihr Mann John sie an jenem Nachmittag besucht hatten, an dessen Abend John, mit einem Scotch in der Hand, vor dem Abendessen zusammensackte.

Sie haben sich nicht bedroht gefühlt, auch als sich Johns Herzprobleme abzeichneten?
»Nein.«
Aber Sie hatten ein Kind. Kommt nicht mit den Kinder die Angst?
»Die Angst um Quintana war immer da. Von dem Moment an, an dem sie geboren war. Die unsäglichen Gefahren des Alltäglichen! Die buchstäbliche Klapperschlange, versteckt im Efeu, wie sie schon in meinem Roman Play it as it lays auftaucht. Ich habe ständig Desaster vorausgesehen. Ich sah sie immer an irgendeiner Krankheit sterben.«
Eine Furcht, die sich so lange als unbegründet erwiesen hatte.
»Sie war so gesund. Ich hatte mir immer irgendein furchtbares Unglück vorgestellt.«
Dann ist es eingetroffen.
»Ja.«

Die Überlebende – Seite 2

»Der Tod ist eine Leere, die plötzlich mitten im Leben eines Wesens aufbricht; das Seiende, das wie durch eine wundersame Verfinsterung plötzlich unsichtbar wird, stürzt auf einmal durch die Falltür des Nicht-Seins«, schrieb der Philosoph Vladimir Jankélévitch in seinem klugen und doch kaum tröstlichen Buch über den Tod. Didions Buch Das Jahr magischen Denkens setzt ein mit dem Abend, an dem John starb. Die erste Hälfte des Buches erzählt, wie es passierte, es ist ein Versuch, zu begreifen, dass es geschah. Die zweite Hälfte protokolliert die Krankengeschichte von Quintana, Medikamente, Eingriffe, Prognosen. Am Ende steht eine Gesundung in Aussicht. Aber fünf Wochen nach Erscheinen des Buches ist Quintana tot.

»Leid kommt, wenn es eintrifft, in nichts dem gleich, was wir erwarten«, schreibt Didion. »Leid kennt keinen Abstand.«
Nun rückt sie dem Leid nahe. Sie beobachtet sich selbst mit klinischem Blick, es ist eine der schonungslosesten Darstellungen des Ich unter den Bedingungen des seelischen Schmerzes, beinahe unerträglich. »Niemand hat mir je gesagt, dass das Gefühl der Trauer so sehr dem Gefühl der Angst gleicht«, schrieb der Autor CS Lewis in seinem Buch Über die Trauer nach dem Tod seiner Frau, das Joan Didion nach dem Tod ihres Mannes liest. Wenn eine Didion über die Auflösung des Ich unter der Wucht des Schmerzes schreibt, konsultiert sie Experten, erforscht medizinische Einzelheiten, zitiert Freud und Melanie Klein, den Soziologen Philippe Ariès, die Fachliteratur eines Jahrhunderts. Es ist eine ihrer typischen exzessiven Recherchen.

Didion beschreibt die Wellen des Schmerzes. Zuschnürung der Kehle. Übelkeit, Atemnot. Erstickungsgefühle. Die Störung des Schlafes, die Angst vor dem Schlaf. Den Verlust der Träume. Die Trübung der Wahrnehmung, das Versagen der Muskeln, eine Taubheit der Glieder. Das Empfinden von Kälte. Die Beeinträchtigung der Herzgefäße, das Ansteigen des eigenen Sterblichkeitsrisikos. Die Entwicklung von wahnhaften Vorstellungen. Es dauert fast ein Jahr, bis sie von dem Gedanken Abstand nehmen konnte, sie könne etwas zu tun, was John G. Dunne ins Leben zurückbringen könnte.

Sie hatten wirklich gedacht, John könnte seine Schuhe noch einmal brauchen?
»Ich hatte nicht bemerkt, dass ich wahnsinnig war. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich mich wieder stabilisierte. Als es am schlimmsten war, hatte ich keinerlei Empfinden dafür.«
Aber wäre es nicht Wahnsinn, diese Verlorenheit nicht zu empfinden, wenn einer, mit dem Sie Ihr Leben 40 Jahre lange geteilt haben, verschwindet?
»Aber es ist nicht hilfreich, zu glauben, er könnte zurückkommen.« (ein trockenes Lachen)
Was war hilfreich? Das Wiedererleben?
»Ja. Weil ich sowieso zurückging. Ich war vollkommen darauf fokussiert, Szenen dieses Sterbens durchzuspielen. Ich war darauf konzentriert, wie man diese Szenen mit anderem Ausgang spielen könnte. Es geisterte als Endlosband in meinem Kopf herum.«
Sie haben die Endlosschleife in einen Text transformiert, der einen Anfang und ein Ende hat?
»Ja. Erst auf der Seite konnte ich es anhalten.«
Gab es einen Punkt, an dem Sie dachten, Sie könnten nicht weiter und müssten aufhören?
»Nein. Es gab Momente, die sehr aufwühlend waren. In denen ich ansah, was geschehen war, und weinte. Das war gut. In chinesischen Gefängnissen gibt es offensichtlich eine Art von Folter, die darin besteht, dass jemandem ein Endlosband vorgespielt wird, das eine Hinrichtung zeigt. Es wird Tag und Nacht abgespult und noch mal und noch mal. Genauso fühlte sich an, was in meinem Kopf passierte.«
In Ihnen war ein unablässig wiederholter Tod?
»Ja.«

Das Verschwinden des geliebten Wesens, noch einmal Jankélévitch, sei »fast wie der eigene Tod, ist fast so schmerzlich«. An ihm werde erkannt, was verdeckt war, wenn vielleicht auch geahnt – die eigene Sterblichkeit, »so erlebt der trauernde Mensch, der sich in Zuneigung verzehrt, an sich selbst die unerhörte und niederschmetternde Wahrheit des Todes«. Dem gilt es standzuhalten. Aber was wäre dem Tod entgegenzusetzen, was kostet die Abwehr? Sie sitzt da, ruhig, zerbrechlich wie eine Gliederpuppe, sehr für sich. Das Bedrohliche, schreibt Didion in ihrem Buch mit nicht wenig Verächtlichkeit, werde von einer zum Vergnügen verdammten Gesellschaft abgewehrt.

Der Tod sei ein Tabu, behaupten Sie. Aber warum lesen dann 600000 Amerikaner Ihr Buch?
»Ich weiß es nicht. Ich hatte mir vorgestellt, das Buch würde Leser finden, die ein ähnliches Erlebnis durchgemacht hatten. Ich hatte nicht erwartet, dass es eine so große Leserschaft finden würde. Und eine so junge. Dann bin ich zum Schluss gekommen, dass die jungen Leser das Buch weniger wegen des Todes als wegen des Themas Ehe lesen.«
Vierzig Jahre Ehe, das muss für viele das wirklich besondere Erlebnis sein.
»Mit zunehmender Tendenz!«
Immer mehr Menschen erleiden den Verlust einer geliebten Person – nicht selten mehrmals in ihrem Leben – durch Trennung. Ist das vergleichbar?
»Ich glaube schon. Also, ich versuche, mir das vorzustellen. Wenn John und ich durch eine unvermittelte Trennung … Sagen wir, ein Streit hätte einen von uns dazu gebracht wegzugehen… Aber ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es einen irreparablen Streit hätte geben können. Eine Auseinandersetzung, nach der wir nicht wieder miteinander hätten reden können? Das ist unvorstellbar für mich. Vielleicht ist es doch nicht dasselbe.«
Ihr Buch berichtet von Trauer, zugleich von großer Intimität. Sahen Sie das Glück, als es da war?
»Ich war mir unserer Nähe bewusst. Und der Abhängigkeit. Wir haben im buchstäblichen Sinne 40 Jahre lang alle unsere Zeit gemeinsam verbracht. Auch wenn uns das nicht immer bewusst war, haben uns andere Leute darauf hingewiesen.«
Weil es so selten ist.
»Es war die Art, wie wir lebten.«
Wie ein Kindertraum vom Glück.
»Es war mein Erwachsenenleben.«
Man denkt an das vorletzte Jahrhundert, an Großfamilien, war es so?
»Ja. Es war sehr ländlich. Wir lebten ganz oben im Norden von Malibu. Ziemlich wilde Gegend. Na ja, nicht wirklich wild. Heute vielleicht weniger als damals, aber in den Siebzigern war es ganz schön abgelegen. Man war da ganz allein.«

Ein Paar mit Kind in einem Haus am Meer. Schreiben und lesen, kochen, schwimmen. Das Leben schwingt im Rhythmus des Alltäglichen, und ist doch nicht ohne Glamour. John und Joan schreiben Drehbücher für Hollywood. Die Zeitungen zeigen eine Frau hinter mondäner Sonnenbrille, daneben der gut aussehende Ire. Man hat ein pied à terre in New York, zieht schließlich um in eine großzügige Wohnung, Nähe Central Park. Hier ist alles hell, luftig, durch die offenen Fenster dringt der Lärm der Stadt. Auf den Fenstersimsen und Regalen das Strandgut ihres früheren Lebens, Muscheln oder schönes Glas auf dem Sims des Kamins.

Die Überlebende – Seite 3

Sie schreiben, dass Sie nicht nur Ihren Mann verloren, sondern auch die Person, die er in Ihnen sah. Wer ist diejenige, die sich von einem anderen Selbst verabschieden musste?
»Eine viel ältere Person.« (mit ironischem Lachen) Und eine, die ein gutes Stück weniger zuversichtlich war, als ich dachte.«
Sie beschreiben sich geradezu kokett als kränklich, Sie erzählen von Burn-out, fehlender Selbstsicherheit. Aber da ist die Journalistin Didion, welche die Schwächen des politischen Diskurses scharf tranchiert und formuliert…
»Ich war so unsicher, ich konnte nicht auf einer Cocktail-Party auftreten.«
Sie haben sich eine Erzählstimme geschaffen, die mit respektloser Selbstsicherheit auftritt.
»Oh, ich kann sehr mutig sein in anderen.«
Vielleicht denken Sie falsch von sich?
»Nein. Ich habe von mir immer gedacht als eine, die Ereignisse kontrollieren konnte. Nun, offensichtlich war ich schon physisch dazu nicht in der Lage. Weil ich so klein bin. Weil ich über lange Zeit diese lähmenden Migränen hatte, manchmal zwei in der Woche. Darüber hatte ich offensichtlich keine Kontrolle. Aber ich dachte, ich könnte die meisten Situationen in den Griff kriegen, wenn ich mir nur Mühe gäbe. Das neue Selbst, das ich vorfand, erkannte, dass das nicht geht. «
Ziemlich viel Understatement für eine erfolgreiche Schriftstellerin, oder?
»Den Erfolg können Sie vielleicht kontrollieren, aber nicht Leben und Tod. Das plötzlich eintretende Desaster können Sie nicht kontrollieren, so wenig wie ein Erdbeben.«
Vielleicht bedeutet Kontrolle die Kraft, es zu ertragen?
»Ich glaubte mich im Besitz innerer Stärke, aber tatsächlich war ich nicht mehr bei Verstand.«
Sie haben sich in Ihrem Buch Where I was from als Nachfahrin der Pioniere beschrieben. Identifizierten Sie sich mit deren Zuversicht?
»Ich glaube nicht, dass sie optimistisch waren. Es hieß: Erreiche die Berge an diesem Tag, überquere sie, oder stirb. Also überquerten sie die Berge, jedenfalls die meisten von ihnen.«
Auch Sie haben schwieriges Terrain hinter sich gelassen.
»Ja. Wenige Wochen nachdem Quintana gestorben war, dieses Buch hier war gerade heraus, sollte ich eine Lesereise antreten. Man sagte mir, ich müsste die Verpflichtung nicht einhalten. Aber ich bin losgefahren.«
Warum?
»Ich hatte Angst, den Schwung zu verlieren.«

»Man suchte ein romantisches und weit entlegenes goldenes Land der Versprechungen und fand sich in der Wildnis dieser Welt, manchmal nur geleitet von Zeichen des Himmels«, liest man in dem autobiografisch gefärbten Where I was from. Vor dem Aufbruch in das neue Land stehe ein Tod, der Abschied von allem, was einmal Leben bedeutet hatte, bemerkt sie. Didion hütet den Quilt ihrer Ururgroßmutter Elizabeth Anthony Reese, die auf der Fahrt nach Westen »ein Kind begrub, ein anderes gebar, zwei Mal an Bergfieber erkrankte und ihre Schicht übernahm, das Ochsengespann zu lenken und die Maulesel und 22 Stück Vieh zu überführen«, nie habe sie einen Quilt gesehen, schreibt Didion, der mehr Stiche habe als dieser, der auf dieser furchtbaren Fahrt entstand, »irgendwo in der Wildnis von Leid und Krankheit«. So wie Didion acht Monate nach dem Tod von John, sich Notizen machte, sie ordnete, dann feststellte, dass sie offensichtlich dabei war, ein Buch ins Auge zu fassen, dass sie tat, was sie konnte: schreiben.

Haben Sie auch Trost in der Religion gefunden? Ihr Mann war Katholik…
»Er war als Katholik geboren.«
Sie haben ihn in der St. Johns Cathedral begraben, wo auch Ihre Tochter…
»Religion bedeutete für mich danach dasselbe wie davor. Ich wurde in der episkopalen Tradition erzogen. Ich mochte die Litanei sehr. Aber ich glaube nicht daran im buchstäblichen Sinn. Für mich ist sie ein Gedicht.«

Tröstlich wie die Gedichte, die Sie immer wieder in Ihrem Buch zitieren, Gedichte von Gerald M. Hopkins oder Mathew Arnold?
»Ja. Schon als Kind hatte ich die Rhythmen der episkopalen Litanei in meinem Kopf, so wie die Zeilen der Lyrik heute immer in mir sind.«
Sie zitieren refrainhaft die Versprechung der Bibel, dass Gott ein Auge auf den kleinsten Sperling hat. Klingt das ein wenig enttäuscht?
»Nein. Ich habe nie an einen persönlichen Gott geglaubt. An einen, der in unser Leben involviert ist. Also, ein solcher Gott hätte mich schon lange schwer enttäuscht.« (lacht)

Würden Sie sich ihn trotzdem wünschen?

»Ich könnte mich vielleicht der Idee eines Gottes annähern, der Himmel und Erde gemacht hat. Im geologischen Sinne. Big Bang und so.«
John wurde in der Kathedrale von St. John’s begraben, wo er fünf Monate zuvor Quintana zum Traualtar geführt hatte, die ihn nun zusammen mit ihrer Mutter begrub, die auch sie bald begraben wird. Die Kathedrale liegt am oberen Ende des Central Park, ein dunkles Massiv neben einem Gewirr von Kreuzungen. Die Kapelle neben dem Hauptaltar, wo die Asche von John und Quintana ruht, ist abgesperrt, mit Bauplanen. Auch Kathedralen erleben ihre Heimsuchung, St. John’s Cathedral war Opfer eines Feuers, weshalb Damen in vielfältigen Hautfarben Stände aufgebaut haben, wo sie Schokolade verkaufen, um Spenden zu generieren. Die Sonne liegt auf dem großen Fenster in der Apsis, wo Christus die Arme hebt, sodass sein roter Mantel sich in üppigen Falten von seinen Schultern ergießt. »Nimm nichts mit dir, nur deinen Stab«, singt der Gospelchor mit viel Schwung zum sonntäglichen Hochamt. Ein älterer Herr legt die Arme um zwei junge Schwarze, die ihn flankieren, sie legen den Kopf an seine Schultern, einer von ihnen weint.

Sie kommen oft auf die Geologie zu sprechen, auf Ihre Lieblingsvorstellung, dass stark wirkende Kräfte aus Menschen kräftige Exemplare formen, so wie Druck aus der Erde große Berge. Haben Sie je in Betracht gezogen, dass einer unter der Einwirkung von sehr starken Kräften brechen könnte?
»Nun, nach einem Erdbeben tritt Stabilität ein.«
Eine mutige Behauptung für eine Kalifornierin!
(lacht). »Wenn der Druck abgegeben ist, tritt Stabilität ein, wenn auch vielleicht nur für eine begrenzte Zeit.«
Ihr Wort in Gottes Ohr.
»Wir haben doch immerhin seit sehr langer Zeit schon kein Erdbeben mehr gehabt!«
Ihr Mann ist tot. Ihre Tochter ist gestorben. Hatten Sie je Angst, Sie könnten den Zustand der Stabilität nicht mehr erreichen?
»Nein, die Angst hatte ich nicht!«

Die Überlebende – Seite 4

Freud unterscheidet in seinem Aufsatz Trauer und Melancholie zwischen der Trauer, die nach dem Tod einer geliebten Person eintritt und sich nur auflöst, indem die vielen Fäden der inneren Verbindung nach und nach abgelöst werden, ein schmerzhafter, lang währender, aber natürlicher Prozess, und der Melancholie, wie sie nach dem Verlassenwerden eintreten und eine Störung des Selbstgefühls auslösen kann. »Bei der Trauer ist die Welt arm und leer geworden, bei der Melancholie ist es das Ich selbst«, schreibt Freud. Doch wer wollte dem Leid von Joan Didion so etwas wie »mildernde Umstände« zubilligen? Immerhin hat das Erscheinen von Das Jahr magischen Denkens, ihrem persönlichsten Buch, so etwas wie eine Renaissance auch ihrer politischen Bücher eingeleitet, nun erscheinen die Didion-Klassiker Slouching towards Bethlehem oder The White Album in neuen Editionen und stehen wie die in Deutschland herausgegebene Sammlung von Essays unter dem Titel Im Land Gottes. Wie Amerika wurde, was es heute ist als lakonisch-ironische Betrachtungen der politischen Verwahrlosung erstaunlich frisch in einer neuen historischen Landschaft.

Bürgerrechte? Freiheit? Fortschritt? Sie schüttelt den Kopf, dass ihre Haare fliegen. »Es gibt keinen Fortschritt«, sagt sie. »Wir haben es mit einem dramatischen Rückschritt zu tun. In den letzten vier, fünf Jahren wurde viel Grund verloren. Ob wir ihn je wiedergewinnen, darüber darf spekuliert werden.« Wir gehen zur Tür. Ja, sie ist entrüstet. Ein Magazin hat sie gebeten, zu diesem Thema ein Stück zu schreiben. Das wird sie jetzt auch tun. Nein, sie ist noch nicht sehr weit. Diese furchtbare erste Zeile! Die Suche nach dem Ton! Das Verfassen von Texten laufe doch bei ihr nicht nach Gedanken, sondern im Sinne von Musik…

Der Lift gleitet nach unten. Unten im Foyer, wo der Marmorboden zwischen den in Apricot pastellierten Wänden glänzt, übt ein Junge im grünen Poloshirt mit einem der jungen Hausmeister seine Baseball-Schläge. Die beiden stehen, neben dem filigranen Tisch mit den japanisch inspirierten Intarsien, leicht versetzt hintereinander, der jüngere steht dicht vor dem älteren, welcher die Hand auf die seine gelegt hat, Ausholen bei gleichzeitiger Drehung und – Schwung! Man tritt hinaus in die Hitze Manhattans und fühlt sich auf geradezu verwegene Weise zuversichtlich.

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