Die Bundeskanzlerin hat kürzlich in Potsdam eine Rede gehalten, die sich auch an die Medien und die Künstler richtete. Beim M100 Sanssouci Colloquium kam sie auf den Zusammenhang zwischen islamistischem Terror und westlicher Medienproduktion zu sprechen. Merkel forderte die Medien dazu auf, sehr intensiv über den Karikaturenstreit zu diskutieren. Sie fuhr fort: Ist es einfach mit der Pressefreiheit erklärbar, dass man sich nur auf sein lokales Publikum konzentriert und für dieses schreibt, aber die Wirkungen an anderer Stelle dieser Welt unter völlig anderen Rezeptionsmöglichkeiten außer Betracht lässt und sagt, es geht mich nichts an, ich bin eine deutsche Zeitung, ich schreibe für Deutschland, oder muss diese Globalisierung der Information auch eine Reflexion in der Art und Weise unseres Ausdrucks haben? Ich vermute, dass wir hier vor einem Lernprozess stehen.

Irren wir uns, oder ist in Merkels Frage ein Appell verborgen? Nämlich der Appell an jeden Schreiber und Sprecher, zum Weltdiplomaten zu werden und die eigenen Worte bei der kopfinneren Zensurbehörde einzureichen, ehe er sie in die Welt hinauslässt? Die Globalisierung tut uns vieles an, unter anderem dies: dass ein kleiner Text, Sketch, Cartoon, also eigentlich der Flügelschlag eines Kolibris, einen Orkan am anderen Weltende auslösen kann. Die Kanzlerin sagt es nicht genauer, aber der Lernprozess, den sie erwähnt, hat beklemmende Seiten. Er bedeutet eine Zurückhaltung gegenüber der anderen Seite, die je nach Standpunkt pädagogisch (die anderen sind wie Kinder, sie stecken noch im Mittelalter), diplomatisch (bald kommt der Winter - man soll es sich nie mit seinem Öllieferanten verderben) oder faul-feige (wegen ein paar blöder Karikaturen/satanischer Verse will ich hier keinen Ärger) zu nennen ist.

Wäre es nicht besser, so hören wir aus Merkels Einlassungen heraus, das Wichtigste zwischen den Zeilen zu verstecken? Eine allen mithörenden Feinden gerecht werdende Kommunikationstechnik zu entwickeln, welche den veröffentlichten Text nur als Hohlcontainer für das Unaussprechliche braucht?

Wir haben als Volk mit dieser Technik Erfahrung. Erinnert sei an den Kabarettisten Werner Finck. Seine Kunst war im Dritten Reich auf ihrem Höhepunkt. Das Entscheidende ließ Finck immer offen - seine Sätze blieben unvollendet - die Luft summte vom Ungesagten, welches das Publikum flugs im Geist ergänzte. Stotternd, sich absichtsvoll verhaspelnd, trieb Werner Finck den Witz in die Nähe der Fehlleistung.

Was er meinte, sagte er nicht - was er sagte, war anders gemeint. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs gab Finck sich der Kritik der reinen Unvernunft hin, aber es fehlten ihm die mithörenden Feinde.

Witz war nicht mehr riskant, und der große Spötter fiel unter die Kleinkünstler. Finck starb 1978. Er konnte nicht ahnen, welch große Zukunft seine Kunst einmal haben würde.