Viele Menschen sind derselben Ansicht wie Dostojewskijs Iwan Karamasow: Würden ethische Prinzipien nicht auf göttlichen Geboten gründen, wäre alles erlaubt. Doch seit Platon haben Philosophen religiös begründete Ethiken immer wieder infrage gestellt. Sie haben nach anderen Quellen absoluter ethischer Autorität getrachtet, an die Stelle göttlicher Gebote das Diktat der Vernunft gesetzt, das Sittengesetz an sich (Kant) gesucht. Vor mehr als hundert Jahren skizzierte Darwin eine abweichende Auffassung von Ethik, die wir heute sehr viel besser und umfassender formulieren können. Ihr zufolge erweist sich Ethik als ein menschliches Phänomen, das stets im Fluss bleibt. Diese Perspektive ermöglicht einen neuen Blick auf viele Fragen, mit denen wir heutzutage konfrontiert sind.

Vor fünfzigtausend Jahren lebten unsere Vorfahren, wie es Schimpansen bis heute tun, in gemischten Gruppen von etwa dreißig Mitgliedern aller Altersstufen. Diese Art der Gemeinschaft ist an sich bereits eine soziale Leistung. Sie setzt psychologische Fähigkeiten voraus, die in der Natur selten sind. Wie Primatenforscher herausgefunden haben, können Schimpansen die Wünsche und Bedürfnisse ihrer Artgenossen erkennen und solidarisch reagieren. Manchmal helfen sie benachteiligten Verwandten, ohne selbst etwas davon zu haben, oder tun für andere Dinge, an denen diese sich erfolglos versucht haben. Solche altruistischen Impulse ermöglichen ein soziales Miteinander.

Doch diese Fähigkeit zur Einfühlung stößt leicht an ihre Grenzen. Im Leben der Schimpansen gibt es häufig Konflikte, weil egoistische Neigungen stärker sind als der begrenzte Altruismus und Loyalitäten leicht aufgekündigt werden. Immer wieder kommt es zu Streit oder gar gewalttätigen Konflikten auf die anschließend eine lange Phase der Versöhnung folgt, in denen sich die Tiere zusammenscharen, Beistand und Sicherheit suchen. Auch dies dürfte für unsere Vorfahren charakteristisch gewesen sein ihre Möglichkeiten zur Kooperation waren ebenso begrenzt wie die Größe der Gesellschaften, in denen sie leben konnten.

Menschlich im eigentlichen Sinne wurden wir erst, als wir Wege fanden, sozial unverträgliches Verhalten zu verhindern und altruistische Fähigkeiten zu verstärken. In einer frühen Phase dieses Prozesses mögen Sanktionen eine Rolle gespielt haben, doch der entscheidende Schritt war die Verinnerlichung von Verhaltensvorschriften. Der Mensch stellte für sich selbst Regeln auf oder erinnerte sich an beispielhaftes Handeln. Wir erfanden eine primitive Ethik.

Diese psychologische und soziale Errungenschaft war an die Verwendung von Sprache und an die Fähigkeit geknüpft, potenzielle Verhaltensregeln untereinander zu diskutieren. So bildeten sich Ge- und Verbote heraus, die noch heute in zeitgenössischen Gesellschaften von Jägern und Sammlern zu beobachten sind, Regeln, die sich auf Fragen von Loyalität in Konfliktfällen und auf die Partnerwahl beziehen ebenjene Fragen, die in Schimpansengesellschaften für Spannungen sorgen. Doch das war erst der Anfang. Verschiedene Gruppen experimentierten mit verschiedenen Regeln, erfolgreiche Experimente wurden weitergegeben. Daraus entwickelte sich vor etwa zehntausend Jahren die Fähigkeit des Menschen, mit sehr viel mehr Personen permanent zusammenzuleben, sodass Siedlungen mit Hunderten von Einwohnern entstanden.

In den fragmentarischen Gesetzestexten der Frühzeit, also nach der Entwicklung der Schrift, können wir die sittlichen Begriffe unserer Ahnen erkennen. Man sieht eine unsystematische Übernahme von Regeln, die aufgestellt wurden für noch nicht dagewesene Situationen und die an Gesellschaften mit völlig anderen religiösen Orientierungen weitergegeben wurden. Es ist also nicht so, dass die gleichen Vorschriften von unterschiedlichen Gottheiten verkündet wurden, sondern eher so, dass diese Regeln zunächst als praktische Lösungen für soziale Probleme entwickelt und erst dann in einen religiösen Zusammenhang gestellt wurden, der ihnen zusätzliches Gewicht verlieh.

Schließlich haben schon frühzeitliche Gesellschaften festgestellt, dass sich durch Verweis auf ein allwissendes Wesen, das über unsere Handlungen richtet, Gesetzestreue hervorragend durchsetzen lässt.