Eines vorweg: Objektiv betrachtet, ging es den Frauen in Deutschland noch nie so gut wie heute. Nie – zu keinem Zeitpunkt in der Geschichte – hatten sie bessere Bildungschancen, waren sie weniger geknechtet durch unumstößliche Rollenerwartungen. Natürlich ergreifen nicht alle ihre Chancen; nicht alle können sie ergreifen. Und von denen, die dazu in der Lage sind, treffen nicht alle die richtigen Lebensentscheidungen. Die neue Freiheit ist auch eine Last.

So mag es ein Gefühl von Überforderung sein, das die heftigen Reaktionen auf die eher schlichten Thesen der Ex -Tagesschau- Sprecherin Eva Herman erklärt: Immerhin 50 Prozent der Deutschen stimmen ihr darin zu, dass die Sorge für "Kinder, Familie und ein harmonisches Heim" die "wichtigste Aufgabe" von Frauen sei. Das muss nicht unbedingt bedeuten, dass Herman Recht hätte, wenn sie die "Doppelbelastung" mit Beruf und Kind als Ursache für fast alle Probleme moderner Mütter (und der Gesellschaft) ausmacht. Aber es deutet auf eine große Ermüdung, eine schleichende Auszehrung der Frauen hin, die unter einer Vielzahl von Rollenangeboten immer wieder eigenverantwortlich wählen müssen. Und die sich dabei alle Fehler, verpassten Gelegenheiten und gescheiterten Beziehungen selbst zuzurechnen haben – weil es nach allgemeiner Einschätzung zwar noch eiskalte Personalchefs, vorgestrige Berufsberater, beziehungsunfähige oder brutale Männer gibt, aber eben nicht mehr das Patriarchat. Keine Struktur, keine Verschwörung, die in entlastender Weise an allem schuld wäre.

Keinen eindeutigen Adressaten mithin für einen neuen Feminismus, wie ihn 15 prominente Frauen in der ZEIT vom 24. August (Nr. 35/06) angemahnt haben . Niemanden, an den eine neue Frauenbewegung, wenn es sie denn gäbe, ihre Forderungen richten könnte. Und welche Forderungen überhaupt?

Die Liste aus den Federn der ZEIT- Autorinnen reichte von einer Revision des weiblichen Schönheits- und Schlankheitsideals über mehr Intendantinnen für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk bis zu einer stärkeren Haushalts- und Familienbeteiligung der Männer und einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Alles richtig. Alles wichtig. Alles auf unterschiedliche Weise schwierig durchzusetzen – aber keineswegs unmöglich.

Aufschlussreicher und irritierender als der facettenreiche Forderungskatalog selbst ist deshalb ein Grundgefühl, das sich durch viele der Feminismus-Texte zog: dass etwas auf dem Spiel steht. Dass die heute 40-Jährigen, die Frauen an der Schwelle zum Entscheiderinnen-Alter, sich zu lange ausgeruht haben auf den Erfolgen der Siebziger-Jahre-Aktivistinnen und dass im Schatten ihrer Trägheit reaktionäres Gedankenkraut gewuchert ist: schriller, aber unwidersprochener Sexismus auf Werbeflächen und Zeitschriftentiteln zum Beispiel. Die verbreitete Vorstellung, Dieter-Bohlen-Maus könne ein respektabler Beruf für Abiturientinnen sein. Die (un)heimlich sich ausbreitende Auffassung, für eine echte Karriere seien Frauen am Ende doch nicht hart genug.