Joachim Fest trat oft unnahbar auf. Doch vielleicht kommt man ihm nahe, wenn man von seinem Haus erzählt, das wie ein Selbstporträt aus Stein und Glas an einem Hang im Taunusstädtchen Kronberg steht, wo die Spitzenbanker Frankfurts wohnen, in deren Gesellschaft sich Joachim Fest für einen deutschen Intellektuellen immer erstaunlich wohlgefühlt hat. Die Trennung von Geist und Geld hielt er für unnötig.

Wer ihn zum ersten Mal besuchte, musste sich auf Überraschungen gefasst machen. "Sie klingeln einfach unten", hatte er am Telefon gesagt, "dann finden Sie sich schon zurecht." Man tat wie empfohlen, eine Gartentür öffnete sich, und vor dem Besucher lag ein langer, ein sehr langer Kiesweg, der zum Haus hinaufführt. Ein wenig eingeschüchtert kam man oben an und stutzte. In der Mitte der Hausvorderseite befindet sich eine mächtige, dunkle Tür, weder links noch rechts davon sind Fenster. Das kann nicht der Eingang sein, oder? Wo ist die Klingel? Ein Türklopfer aus Metall, immerhin. Man klopfte, doch nichts passierte. Die Minuten verstrichen. Leise Verzweiflung. War es überhaupt das richtige Haus? Nach einer halben Ewigkeit ging die Tür auf, und Joachim Fest bat freundlich: "Kommen Sie doch herein!"

Die zweite Überraschung folgte bei der anschließenden Hausführung, zur Rückseite hin wirkt das Gebäude eher wie ein italienisches Landhaus, viel Glas, viel Licht, wenig Türen. Ein wunderschöner Garten schmückt den Hang, von Joachim Fests Arbeitszimmer aus blickt man ins Grüne.

Wie passen beide Seiten des Gebäudes zusammen? Das Haus wurde ganz nach den Vorstellungen von Joachim Fest gebaut. Mit dem Architekten, erzählte er, habe er sich immer wieder gestritten, besonders über die Vorderseite. Keine Frage, wer sich letztlich durchgesetzt hat. Es war Fests Idee, auf die Fenster zu verzichten, "auch wenn ich mir darüber im Klaren bin, dass dies zunächst ein wenig kühl auf Besucher wirkt." Während er dies sagte, schmunzelte er zufrieden.

Auf den ersten Blick kühl und distanziert, bei näherem Kennenlernen beinahe italienisch freundlich: So sah er sich selbst. Stets betonte er, dass er sich zwar sein Leben lang mit Hitler und dem Nationalsozialismus beschäftigt habe (dazu muss man sich einen leicht abschätzigen Ausdruck in Fests Gesicht vorstellen), sein Buch Eine italienische Reise sei ihm aber das liebste gewesen (wenn er von Italien redete, wollte er gar nicht aufhören zu schwärmen). Nach dem Rundgang führte er den Besucher ins Wohnzimmer, nahm Platz in einem Sessel vor der riesigen Bücherwand, bot Kaffee und Kekse an. Das Gespräch konnte beginnen, und es zeigte sich, dass die imposante Fassade durch die Gedankengebäude des Hausherrn noch überboten wurde.

Am Montag ist Joachim Fest in diesem Haus in Kronberg gestorben.

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