Die ARD erinnert in diesen Tagen fatal an den Ostblock kurz vor dem Fall des Eisernen Vorhangs. Eine alternde Führungsriege nimmt die Dimension des Verfalls um sie herum nicht mehr wahr und verkennt folglich ihren eigenen Anteil daran. Dafür ist der Geheimvertrag mit dem unter Dopingverdacht stehenden Radrennfahrer Jan Ullrich ein besonders eklatantes Beispiel: Für exklusive Auftritte im Programm und Aufnahmen aus dem Trainingslager bekam Ullrich bis zuletzt etwa 200.000 Euro jährlich, wobei der Vertrag für den Sportler viel mehr zählte als nur die Überweisung. Denn er schloss eine kritische Berichterstattung praktisch aus. Jan Ullrich war nun Geschäftspartner. Geldempfänger.

Warum das ein Skandal ist, steht in den Programmleitlinien des Westdeutschen Rundfunks (WDR). Dort heißt es: "Mach Dich mit keiner Sache gemein." Für den WDR und die übrigen acht Sender des ARD-Verbunds ist das kein frei gewähltes Ziel, sondern Grundlage ihres Seins. Sie existieren nur, um einen staatlichen Auftrag zu erfüllen, der sich aus dem Artikel 5 des Grundgesetzes ableitet: Demzufolge müssen die Sender im Sinne "freier individueller und öffentlicher Meinungsbildung" wirken, ihre Mitarbeiter sollen "unabhängig auswählen" und objektiv berichten. Für den Sport gilt das genauso wie für die Politik, und dafür bekommt die ARD Jahr für Jahr 4,9 Milliarden Euro von den Gebührenzahlern.

Doch wie reagieren die Verantwortlichen auf den Skandal? Sie spulen eine halbherzige bis schnoddrige Reue-Routine ab. Der angesehene Fritz Pleitgen, Journalist und Intendant des WDR, will allenfalls einen "Fehler" erkennen, während der fürs Gemeinschaftsprogramm der ARD zuständige Programmdirektor Günter Struve lapidar sagt: "Hauen Sie auf meine Nase. Die ist schon platt."

Platt ist diese Nase, weil die ARD in den vergangenen Jahren so oft gegen ihren Auftrag verstoßen und Struve dafür so viel Prügel bekommen hat, dass kein Schönheitschirurg das Riechorgan des Programmdirektors richten könnte. Dabei ist der Manager ungewollt ehrlich: Es geht nicht um einen Einzelfall, sondern ums System , in dem die journalistische und die künstlerische Freiheit immer wieder für Geld hergeschenkt werden.

Allein im vergangenen Jahr sind mehr als 100 Fälle von Schleichwerbung in Serien wie Marienhof und im Tatort bekannt geworden. Auch davor wurde ARD-Programm für ein Handgeld dutzendfach in Firmenfernsehen verwandelt. Wer weit genug zurückgeht, findet jenseits von Tagesschau und Tagesthemen kaum ein Genre, das unberührt blieb – und in den Nachrichten wirbt die ARD ja in eigener Sache. Der Zuschauer kann das in der ersten Reihe verfolgen.