Vergangene Woche ist Astrid Varnay in Wien gestorben, die Wunschmaid der Bayreuther Nachkriegszeit und Edelheroine zweier Opernjahrzehnte. Mit Wagner und Strauss ist sie berühmt geworden. Aber hat sie nicht noch mehr gesungen? Die Suchmaschine hilft, ein Sängerleben zu sortieren. Voilà: www.geocities.com/Vienna/Strasse/7321/astrid7.html von Beethovens Fidelio bis zu Weills Mahagonny ist die Totale ihres Repertoires abgebildet. Damit lässt sich im CD-Regal auch Kurioses entdecken.

Zum Beispiel bei Verdi an der New Yorker Met, wo die Varnay 1950 die Amelia in Simone Boccanegra sang und mit durchschlagender Expressivität ihre Anwartschaft aufs hochdramatische Fach bekundete.

Im selben Jahr am selben Ort gab sie unter Fritz Reiner eine Senta im Holländer, deren Stimme bereits in der Walkürenrüstung steckte (Naxos 8.110189). Noch früher datiert ihre Elsa im New Yorker Lohengrin von 1943 (Naxos 8.110235), wo sie das visionäre Einsam in trüben Tagen als resoluten Tatsachenbericht vortrug, dem eigentlich kein Gottesgericht mehr folgen konnte. Diese Aufnahme zeigt, dass Varnays Sopran bereits zu jener Zeit einen schweren Kern in sich trug. Man kann sich die allgemeine Überwältigung vorstellen, als sie bei ihrem Met-Debüt 1941 als 23-Jährige (!) binnen sechs Tagen zweimal in einer Walküre Erste Hilfe leistete, zuerst für die erkrankte Sieglinde, dann für die erkrankte Brünnhilde. Auf einen Schlag war die junge, 1918 geborene Einspringerin aus Stockholm berühmt.

Überhaupt ist Varnays Kunst auch aus fernen Zeitzonen gut dokumentiert: Ihre 1953-Aufnahme der Salome unter Leitung ihres Gatten Hermann Weigert (Orfeo 503 002) ist ebenso spannend wie ihre racheglühende Elektra unter Karajan von 1964 (Orfeo 298 922) - Connaisseure sollten jedoch dringend die 1952-Aufnahme der Elektra unter Fritz Reiner (Cantus Classics 5.00562) anhören, nicht wegen des Orchesters, sondern wegen der undomestizierten Hingabe Varnays an die Titelpartie - später war sie halt eine E lektra von Karajans Gnaden.

Nach ihrem Wechsel ins Charakterfach war sie dann eine phänomenale Klytämnestra, die schreckliche Nächte hatte, weil sie wusste, wie racheglühend eine Elektra sein konnte. Den Typus der bösen Alten hat sie mehrfach exemplarisch verkörpert, vor allem bei Janáek: als Kabanicha in Katja Kabanová und als Küsterin in Jenufa. Wenn das Stück nicht so fad wäre, müsste man natürlich ihre Jokaste in Orffs Oedipus der Tyrann empfehlen. Und gern wäre man dabei gewesen, wenn Varnay in Winzlingsrollen (etwa als Garderobiere in Lulu) einfach auf die Bühne kam und dort wie jener Baum stand, den Wieland Wagner in Bayreuth so das Bonmot nicht benötigte, weil er ja die Varnay hatte.

Im Wagnerfach war Astrid Varnay flächendeckend präsent, sie hat neben den Paraderollen schier jede erreichbare Partie gesungen, sogar Eva, Freia und die dritte Norn, wobei ihr die tiefer dimensionierten Partien besser lagen. Neidlos sprach sie ihrer Kollegin Birgit Nilsson die freiere Höhe zu: Dafür hatte ich die Tiefe! Das gilt in jeder Hinsicht: Ergreifender als im Bayreuther Ring-Zyklus von 1955 unter Joseph Keilberth (siehe ZEIT Nr. 28) hat selten eine Brünnhilde geklungen. Die Internet-Liste verschweigt nichts. Man bemerkt allerdings auch, was fehlt: Astrid Varnay hat ein Leben ohne Mozart geführt. Neben Hunderten von Brünnhilden war dafür kein Platz.