Lauren ist 19 Jahre alt und kommt aus Illinois, zumindest behauptet sie das von sich. Auf ihrem nackten Rücken prangt ein tiefschwarzes Tattoo. Lauren muss eine aufgeschlossene junge Frau sein; die Frage, »Wen ich gerne kennen lernen würde«, beantwortet sie mit: »Whoever comes along the way.« Einen hat sie dabei getroffen, den man sonst nicht so rasch am Wegesrand aufgabelt: den Popstar Justin Timberlake. In der Internet-Gemeinde MySpace vermarktet er sein neues Album; wer dort wie Lauren seine Adresse eintippt, bekommt, ob er will oder nicht, den Titelsong Sexy Back zu hören. Vielleicht deshalb zeigt sich Lauren auf Timberlakes Seite sparsam bekleidet von hinten. Sie gehört zu den knapp 137000 Freunden des Sängers.

Und genau darum geht es hier. A place for friends ist das Motto, unter dem die Gründer Tom Anderson und Chris De Wolfe die Website MySpace seit 2003 bewerben. Eigentlich sollten unbekannte Künstler eine Plattform erhalten, auf der sie ihre Produkte – und sich selbst – vermarkten konnten. Das Verlangen nach einem eigenen Platz im Netz aber griff um sich, und MySpace wuchs und wuchs: Über 100 Millionen Mitglieder sind derzeit registriert, pro Tag sollen rund 230000 hinzukommen. Sie haben die Plattform zum größten sozialen Netzwerk der Welt und so attraktiv gemacht, dass der Medienmogul Rupert Murdoch es für 580 Millionen Dollar gekauft hat.

Der Einstieg ins Freundschafts-Netz ist simpel: Mail-Adresse und Kennwort reichen, schon ist man drin. Liebevoll feilen die Benutzer anschließend am eigenen »Profil«, wie die Homepage hier programmatisch heißt. Sie unterlegen es mit selbst gemalten Bildchen, peppen die Seite, die es nun auch auf Deutsch gibt, mit Musik, Fotos und Videos auf. Rund zwei Millionen Bands vermarkten sich hier. Dazu ballen sich Angebote bei MySpace, die es sonst oft nur einzeln im Internet zu nutzen gibt: Blogs, Flirtbörsen, ein eigenes Plattenlabel, Job-Angebote, schwul-lesbische Foren und andere Gruppen – von Atheisten bis hin zu strengen Vegetariern, die sich Vegetable Mafia nennen. Und alle sammeln wie nebenbei unzählige Kontakte, ohne sich vom Bildschirm zu lösen, akzeptieren per Mausklick neue Freunde oder sperren unliebsame Bekannte. Schließlich gilt hier wie im echten Leben: Wer viele Leute kennt, steht oben im sozialen Ranking. Eine Bekanntschaft hat jeder sicher: den MySpace-Gründer Tom Anderson selbst, der Neulinge über eine Standard-Mail begrüßt. Er hat so viele Freunde wie Mitglieder – bei Redaktionsschluss waren es 108996291.

Übertroffen wird Anderson von Bill Gates. Unter www.myspace.com/microsoft blickt er freundlich in Schwarzweiß, im persönlichen Steckbrief hat er »sportlich« eingetragen und »Mitbegründer von Microsoft«. Ob seine Presse-Abteilung den Online-Kult rechtzeitig erkannt hat, oder ob sich jemand einen Spaß erlaubt?

Damit wäre er nicht der Erste. Osama bin Laden, zum Beispiel, ist auch schon da. Laut Profil ist er 48 Jahre alt, mit dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong Il befreundet und würde gerne mal mit Saddam Hussein Karten spielen. Nicht immer geschmackssichere Ironie ist eine der seltsameren Blüten, die der riesige Umschlagplatz für Menschen und Ideen treibt. Nur wenn man Hitlers Namen in die Suchmaschine tippt, scheint eine Zensur zu greifen. »Ungültige Freund-ID. Dieser Benutzer hat entweder seine Mitgliedschaft gekündigt, oder sein Account wurde gelöscht«, sagt die Fehlermeldung. Satanisten und andere zwielichtige Communities fühlen sich bei MySpace wohl, und anzüglich posierende Frauen, die sich mit männlichen Nutzern anfreunden wollen, sind manchmal nichts anderes als personifizierte Links zu kostenpflichtigen Porno-Seiten. MySpace ist auch ein Platz für krude Fantasien und Geschäftemacher.

Auf einen Link trifft man immer wieder: den zu YouTube.com, dem Sammelplatz für Amateurvideos, Film- und Fernsehausschnitte, die jeder nach Belieben ins Netz stellen, diskutieren und verschicken kann. Täglich werden dort mehr als 50000 Filme neu geladen. Broadcast Yourself, sende dich selbst, heißt der Slogan; viele Benutzer nehmen ihn wörtlich, wie das frühe Video vom Star Wars Kid beweist. Ein properer Junge wirbelt unter allerlei Verrenkungen Besenstiel statt Laserschwert umher. Für ein weltweites Publikum war dieses Filmchen nicht gedacht; Kult ist das Pummelchen inzwischen trotzdem: Fast eine halbe Million Mal wurde ihm beim Kampftanz zugesehen. Inzwischen gibt es bei YouTube sogar Videoschnipsel mit niesenden Panda-Babys aus dem chinesischen Fernsehen. Jeder Film leitet weiter zu neuen Beiträgen, wird kommentiert und bewertet, bisweilen hunderttausendfach.

Eine nutzergenerierte Selbstkontrolle, die aber doch nicht ausreicht, die Bilderflut zu filtern und zweifelhaften Strömungen den Kanal abzudrehen. So hat etwa Hisbollah YouTube für sich entdeckt – als eine Art poppige, jugendtaugliche Al-Dschasira-Variante. Ihre Videos sind leicht zu finden, und auch wenn man nicht versteht, was zu Bildern von Särgen und Kalaschnikows gesungen wird – man ahnt nichts Gutes.