In "ein schönes Land" will er sie führen, seine Landsleute. So der Titel des Buches, mit dem Shinzo Abe sich rechtzeitig zur Wahl des liberaldemokratischen Parteivorsitzenden der Öffentlichkeit empfiehlt. Es wurde unverzüglich zum Bestseller, denn Abe wird aller Voraussicht nach Junichiro Koizumi im Amt des Premierministers nachfolgen. Dank der Parlamentsmehrheit der LDP ist dessen Wahl eine parteiinterne Angelegenheit. Kaum ein Beobachter zweifelt daran, dass Abe das Rennen um den Parteivorsitz am 20. September machen wird, einen Tag vor seinem zweiundfünfzigsten Geburtstag.

Für japanische Verhältnisse ist er fast noch ein Knabe, so jung war noch keiner. Das Durchschnittsalter japanischer Premiers bei Amtsantritt seit 1946 ist 63 Jahre. Verspricht Abes Jugendlichkeit frischen Wind in die japanische Politik zu bringen? Wahrscheinlich nicht. Abe steht nämlich für Kontinuität und Konservatismus. Im Stil unterscheidet der dem politischen Hochadel entstammende Abe sich mit seinem distinguierten Auftreten von dem quirligen und eigenwilligen Koizumi, aber was die politischen Inhalte angeht, brauchte er sich als dessen Regierungssprecher nie zu verbiegen. Vieles von dem, was Koizumi begonnen hat, wird Abe fortsetzen, wie man seinem Buch entnehmen kann.

Shinzo Abe bietet darin mehr ein politisches Bekenntnis als ein konkretes Programm. Er spricht davon, wie die Politik schon in seiner Kindheit präsent war. Als Sechsjähriger erlebte er die Demonstrationen, die die Regierung seines Großvaters Nobusuke Kishi zu Fall brachten. Kishi war drei Jahre lang als Kriegsverbrecher inhaftiert, aber dann von den amerikanischen Besatzern in die Politik entlassen worden. Er hatte Japan das extrem unpopuläre Militärbündnis mit den USA beschert, das noch heute die einzig tragende Säule von Tokyos Außenpolitik ist. Kein Zweifel, dass Abe dem Bündnis ebenso viel Gewicht beimessen wird wie Koizumi.

Daraus sollte man freilich nicht schließen, dass Abe immer nach Washingtons Willen handeln wird. Allein: Aus seiner Sicht gibt es zur Sicherung von Japans Stellung in der Welt zurzeit keine Alternative zu dem Bündnis mit Amerika. In Ostasien sieht er Japan von Feinden und Rivalen umgeben. Bezüglich der ungelösten Territorialkonflikte mit Russland, Südkorea und China lässt er nicht erkennen, dass er von der bisherigen japanischen Linie abweichen wird: Als japanisch beanspruchten Boden aufzugeben ist dem politischen Establishment ein zu hoher Preis für die ungewisse Aussicht auf bessere Beziehungen mit den Nachbarn.

Für einen eingefleischten und offen bekennenden Nationalisten wie Shinzo Abe ist Gebietsverzicht keine politische Option. Ausführlich lässt er sich in seinem Buch darüber aus, was Nationalismus bedeutet, wobei er auf Unterscheidungen zwischen dem eher positiv besetzten "patriotisch" und dem negativ konnotierten "nationalistisch" verzichtet und freimütig von den Vorzügen des Nationalismus spricht. Sein prägendes Jugenderlebnis waren die Olympischen Spiele 1964, die Tokyo in ein Meer von Sonnenbannern verwandelten. So soll es sein. Nationalismus ist die Kraft, die Amerika stark macht, wo man es mit Fähnchenschwenken so hält, wie es Abe gefällt. Diejenigen unter seinen Landsleuten, die dem öffentlichen Gebrauch nationaler Symbole, speziell der Fahne und der Hymne, reserviert gegenüberstehen, leiden seiner Meinung nach unter irrationalen Ängsten. Denn Nationalismus ist, wie er sich ausdrückt, ein "völlig natürliches Gefühl", der Nationalstaat eine "natürliche Einheit". Ausgeprägter Etatismus und der Wunsch, Japan in der Welt Geltung zu verschaffen, sind die Ecksteine der Politik Shinzo Abes, der sich anschickt, der erste nach dem Krieg geborene Premierminister zu werden.