Was vom Wahn übrig bleibt, ist Schrott. Tonnenweise rostige Raketenteile: Leitflügel, Tanks, Kompassgehäuse. Sie liegen in kilometerlangen, haushohen Stollen im Kohnstein, einem Hügel in Thüringen. Im Mittelwerk, der wohl größten unterirdischen Fabrik der Geschichte, ließ die NS-Führung während der letzten anderthalb Jahre des Zweiten Weltkriegs von KZ-Häftlingen jene Waffen fertigen, die noch die Wende bringen sollten: die »Vergeltungswaffen« V1 und V2. Wäre es nach der verzweifelten Hoffnung nicht weniger Deutscher und ihrer Führung gegangen, wäre unter dem Sedimentgestein ein großes Kapitel Technikgeschichte geschrieben worden. Bis heute hält sich das Gerücht, dass den Rüstungsmanagern in höchster Bedrängnis noch ein logistisches Kunststück gelang – durch und durch barbarisch, aber von kalter Rationalität. Die Propagandabilder von Walter Frentz nährten den Mythos von Hitlers Geheimwaffe – die Realität in den Stollen von Mittelbau-Dora war grausam BILD

Dieses »aber« ist ein Irrtum, wie in der neuen Dauerausstellung der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, eröffnet am vergangenen Sonntag, zu erfahren ist. Sie zeigt die traurige Wirklichkeit hinter dem »Rüstungswunder«, das Hitlers Munitionsminister Albert Speer einst verheißen hatte. Das Mittelwerk war niemals eine funktionierende Waffenschmiede – sondern »ein desorganisierter Haufen«, sagt Jens-Christian Wagner, der Leiter der Gedenkstätte. Das von Albert Speer verheißene »Rüstungswunder« endete in konfuser Misswirtschaft und sinnlosem Leid.

Zwar holten die deutschen Raketenbauer gezielt die vermeintlich fähigsten KZ-Häftlinge in den Mittelbau. Raketen-Chefentwickler Wernher von Braun fuhr eigens ins KZ Buchenwald, um dessen Insassen zu mustern. Aber es kam den Deutschen nicht in den Sinn, die Ingenieure, Wissenschaftler und Handwerker menschlich zu behandeln. Bis Ende 1943 hatten sie 10000 Häftlinge in den Mittelbau gepfercht. Sie mussten auf Holzpritschen mitten im Staub und Lärm der Tunnelbaustelle schlafen. Die sanitären Anlagen bestanden aus halben Ölfässern als Latrinen. Mancher Häftling sah neun Monate lang kein Tageslicht.

Die derart Geschundenen mussten Hochtechnologie produzieren, die den Krieg, mithin ihr eigenes Leid, verlängern sollte – aber die noch nicht bis zur Serienreife durchdacht war. »Fast täglich kam ein Bote mit neuen Blaupausen«, sagt Wagner. Dann, ein paar Monate nachdem die Raketenfabrik eingerichtet war, fiel es Hitler und seinen Beratern ein, Jagdflugzeuge wären wohl doch die wirksameren Waffen. Die Raketenbauer mussten den Nordteil des Stollenkomplexes eilig wieder für die Fertigung des Düsenstrahlflugzeugs Me-262 räumen. Nur fehlte der Sprit für die schnellen Jets. Also setzte man wieder auf Raketen.

Kein Wunder, dass die Produktion des Mittelwerks großteils aus Ausschuss bestand: Die angepeilte Stückzahl von 900 V2-Raketen pro Monat wurde nicht annähernd erreicht. Fast die Hälfte der insgesamt 6000 V2-Raketen, die im Mittelbau montiert wurden, war defekt.

Der Grundgedanke des Mittelwerks funktionierte immerhin: Die Verlegung der Raketenfertigung unter Tage immunisierte diese gegen die immer heftiger werdenden Luftangriffe der Alliierten. Die wussten genau, unter welchem Hügel im Harz die gefürchteten Raketen montiert wurden. Obwohl ihre Aufklärung sogar die Belüftungsschächte des Mittelbaus metergenau kartiert hatte, warfen sie dort keine einzige Bombe. Es schien ihnen aussichtslos, mit damaligen Sprengwaffen durch das betonharte Anhydridgestein zu dringen. Sie bombardierten lieber die Transportwege des Mittelwerks.

Die deutschen Strategen verstanden rasch, dass sie Ruhe nur noch unter der Erdoberfläche finden würden, und so bekam der Mittelbau seine eigentliche Bedeutung als Vorläufer eines größenwahnsinnigen Tiefbauvorhabens: Ein Großteil der militärischen Infrastruktur des Reichs sollte tiefer gelegt werden. Überall begann man fieberhaft zu graben. Für den Mittelbau sah die Planung vor, die unterirdische Fläche binnen acht Monaten von rund 100000 auf 1,5 Millionen Quadratmeter auszubauen. Obwohl nur ein winziger Bruchteil davon realisiert werden konnte, träumte die Führung dennoch weiter. Noch im März 1945 fantasierte Wernher von Braun von einem 60 Kilometer langen Stollen unter Nordthüringen. Drei Viertel der Häftlinge von Mittelbau-Dora mussten auf Baustellen schuften – bis zur völligen Erschöpfung: Ihre Überlebensdauer bemaß sich in Wochen. Nur ein Zehntel der Häftlinge war unmittelbar in der Raketenfertigung beschäftigt.

In bemerkenswertem Gleichklang pflegten Täter und Opfer nach dem Krieg den Mythos der V2. Einerseits taten die Verantwortlichen alles, um ihr Werk als ersten Schritt ins Weltraumzeitalter zu verklären und so von der eigentlich kriegerischen Zielsetzung abzulenken. Walter Dornberger beispielsweise, im Heereswaffenamt der Wehrmacht zuständig für das Raketenprogramm, verherrlichte sein Paradeprojekt 1952 in dem Bestseller V2, der Schuss ins All. Andererseits rühmten auch manche (allerdings nicht alle) überlebenden Häftlinge später die technische Klasse der V2. »Wenigstens so konnten sie ihrem Leiden einen Sinn geben«, sagt Jens-Christian Wagner.

So erklärt es sich, dass viele Besucher des Kohnsteins die Technik sehen wollen. »Die Hälfte unseres Publikums interessiert sich gar nicht für KZ-Geschichte«, hat Wagner beobachtet. Er enttäuscht sie in voller Absicht: »Mittelbau-Dora war kein Raketen-KZ, also gibt es hier auch kein Raketenmuseum.« Die Anmutung technischer Rationalität wäre deplatziert angesichts des Irrsinns, der im Mittelbau herrschte. Jeder dritte Häftling, der je ins KZ Mittelbau kam, starb dort, insgesamt etwa 20000 Menschen. Der Bau der vermeintlichen Wunderwaffen forderte mehr Opfer als ihr Einsatz.