Holger Mellerowicz versteht es, einem Angst zu machen. "Jedes zweite Schulkind kann keinen Ball fangen und nicht auf einem Schwebebalken balancieren", sagt der Orthopäde. "Mehr als die Hälfte aller Schulkinder in Deutschland hat eine Haltungsbeeinträchtigung." Mellerowicz leitet die Kinderorthopädie an der Helios Klinik in Berlin. Das Wartezimmer der Ambulanz ist rappelvoll. Mütter mit Babys, aber auch viele Kinder und Jugendliche. "Drei von zehn Schulkindern sind heute übergewichtig", schätzt der Mediziner. Das begünstige X-Beine, Verformungen der Wirbelsäule, Rückenschmerzen und Knieprobleme. Neben Klumpfüßen und Fehlstellungen der Hüften sind das die häufigsten Leiden, gegen die Kinderorthopäden ankämpfen.

Einer der jungen Patienten ist der zwölfjährige Kemal. Ein sympathischer, aufgeweckter Junge, der 85 Kilogramm auf die Waage bringt. "Meine Mama kocht so gut", sagt er. Im vergangenen Winter wurden Kemals Knieschmerzen immer stärker, besonders beim Treppensteigen. Seither muss er tagsüber Stützbandagen tragen. Sie sollen verhindern, dass seine Gelenkkapseln weiter überdehnt werden und eines Tages die Kniescheiben herausspringen.

Kemal hasst die Bandagen. "Dauernd rutschen diese Dinger runter", klagt er. Und obendrein können sie leider das Problem nicht lösen. In diesem Sommer begann auch Kemals linke Ferse zu schmerzen und schwoll an als Folge der Überbelastung. Jetzt muss der Junge zusätzlich eine Stützbandage für das linke Sprunggelenk tragen. Morgens kommt er sich mittlerweile vor wie ein Ritter, der seine Rüstung anlegt.

"Der Doktor hat gesagt, ich muss abnehmen", sagt er, sonst ergehe es ihm womöglich wie Frank. Der ist ebenfalls zwölf und übergewichtig. Und er hat bereits eine Operation über sich ergehen lassen müssen, bei der unter anderem seine Hüftgelenkköpfe mit Schrauben an den Oberschenkelhalsknochen fixiert wurden. Bei ihm hatte der Gelenkknorpel in Hüfte und Knien Schaden genommen. Sechs Wochen verbrachte er in der Klinik und humpelte danach drei Monate an Krücken.

Haltungsprobleme entstehen aber oft auch ohne Übergewicht, vor allem als Folge von Bewegungsmangel. Neun Stunden des Tages verbringen Kinder im Sitzen, ergab kürzlich eine Studie der Universität Frankfurt am Main; nur 60 Minuten toben sie herum. Und wenn sie sitzen, dann oft auch noch falsch. Eine Untersuchung mit 2000 Grundschülern hat gezeigt, dass bei acht von zehn Kindern Stuhl und Schulbank nicht der Körpergröße angepasst sind (siehe Kasten). Das ist Gift für die Wirbelsäule.