Schwere Schultaschen belasten Rücken und Gelenke zusätzlich. Nach der deutschen Schulranzennorm DIN 58124 darf das Gewicht eines Ranzens nicht mehr als zehn Prozent des Körpergewichts eines Schülers ausmachen. Doch im Alltag wird darauf keine Rücksicht genommen, wie erste Ergebnisse einer großen "Ranzen-Studie" mit Kindern aus 15 Schulen zeigen, die an der Orthopädischen Universitätsklinik in Tübingen läuft. Von den befragten Gymnasiasten und Realschülern klagen 80 Prozent über Rückenschmerzen.

Während es bei der Prävention ganz offensichtlich hapert, sei die Kinderorthopädie jedoch höchst erfolgreich, was Diagnostik und Therapie angehe, meint Mellerowicz: "Die Hüftdysplasie beispielsweise haben wir bald besiegt." Sie ist eine der häufigsten Fehlbildungen überhaupt – drei Prozent aller Babys sind davon betroffen. Die Hüftgelenkspfanne ist bei ihnen so flach, dass der Kopf des Oberschenkelknochens herausrutschen kann. Arthrose und Schmerzen sind die Folge. Um das zu verhindern, werden die Beine gespreizt. Das drückt den Kopf des Oberschenkelknochens ins Zentrum der Hüftpfanne. Die Gelenkpfanne vertieft sich, und ihre Ränder geben besseren Halt.

Fortschritte gibt es auch bei der Behandlung von Skoliosen, angeborenen Deformationen der Wirbelsäule, unter denen drei von hundert Kindern leiden. Starke Skoliosen führen langfristig zu einer Verengung im Brustkorb. Unbehandelt sterben die Patienten früh, manche schon vor dem 30. Lebensjahr. Seit den 1950er Jahren kann man Wirbelsäulen zwar operativ begradigen, doch hinterher kommt es oft zu Versteifungen – und damit zu einer Überbelastung der Bandscheiben an anderen Stellen. Daher setzen Ärzte bei Skoliosen häufig wieder auf Korsetts. Wenn diese frühzeitig angepasst und konsequent getragen werden, kommt es meist zu starken Verbesserungen der Haltung. "So ein Korsett wirkt wie eine Zahnspange für die Wirbelsäule", sagt Georg Holfelder. Er praktizierte 34 Jahre lang als Orthopäde und Kinderorthopäde und bietet jetzt Führungen durch das Deutsche Orthopädiemuseum in Frankfurt am Main an.

"Auch Klumpfüße müssen so früh wie möglich behandelt werden", sagt Holfelder. Zwei von 1000 Babys kommen mit dieser Fehlstellung zur Welt, wobei der Name in die Irre führt; Klumpfüße sind nicht klobig, sondern verdreht. Wer nicht behandelt wird, geht später auf dem Außenrand des Fußes oder auf dem Fußrücken. Behandelt wird hauptsächlich nach zwei Verfahren: Die meisten Orthopäden vertrauen nach wie vor auf die Imhäuser-Methode. Ein halbes Jahr lang biegen sie die Kinderfüße manuell in die richtige Form, anfangs dreimal die Woche, später alle 14 Tage. Anschließend verlängern sie in einer Operation die Achillessehne. Es folgen sieben Wochen Gipsverband, dann Krankengymnastik.

Viele auf diese Weise behandelte Kinder tun sich später allerdings schwer beim Gehen, und so schwören immer mehr Experten auf die Ponseti-Methode. Da biegt man die Füße nur einmal wöchentlich zurecht. Nach sechs Sitzungen wird die Achillessehne operativ verlängert und ein Gipsverband angelegt. Später müssen die Babys vier Monate lang Tag und Nacht eine Schiene tragen, welche die Füße im 70-Grad-Winkel voneinander wegdreht.

Die technischen Hilfsmittel der Kinderorthopäden für Diagnose und Therapie werden ständig besser. Aber werden sie tatsächlich immer gebraucht? Ist jeder leicht schief gewachsene junge Mensch automatisch behandlungsbedürftig? Viele Eltern sind unsicher: "Ist unser Kind noch normal, oder muss es zum Arzt?"

Viele Beschwerden sind trotz stärkerer Tendenz zu Übergewicht und Schäden durch Bewegungsmangel zum Glück harmlos. Neugeborene zum Beispiel hätten fast immer O-Beine, sagt Holfelder. "Und wenn die Kinder in die Schule kommen, haben sie in der Regel eine Zeit lang X-Beine." Das gleiche sich mit den Jahren aus. Nur wenn sich X-Beine während der Pubertät nicht zurückbildeten, sei eine Behandlung anzuraten; sonst könne es – besonders bei Übergewicht – durch die Fehlbelastung der Kniegelenke zu einer Arthrose kommen.