Nicht selten aber seien harmlose Wachstumsschmerzen der Grund dafür, dass Kindern die Knie wehtäten, berichtet der Orthopäde. Meist treten sie zwischen dem dritten und sechsten Lebensjahr auf. Die Kinder erwachen nachts und klagen über Schmerzen in Knien und Unterschenkeln. Da die Beine im Kniebereich in jener Zeitspanne besonders stark wachsen, können Knochenhäute übermäßig gedehnt werden.

"Unsere Aufgabe ist es, die wenigen Fälle zu erkennen, in denen eine Intervention notwendig ist", sagt Claus Carstens, Leiter der Sektion Kinderorthopädie an der Universitätsklinik Heidelberg. Er ist einer der knapp 200 spezialisierten Kinderorthopäden unter den 7000 Orthopäden in Deutschland. Viele von ihnen hätten leider wenig Erfahrung mit Kindern, sagt Carstens: "Sie legen etwa die gleichen Kriterien wie bei Erwachsenen an." Das sei ein Fehler, denn der kindliche Bewegungsapparat unterscheide sich von dem des Erwachsenen nicht nur dadurch, dass er kleiner sei. "In seinen verschiedenen Entwicklungsphasen unterliegt er einem ständigen Wandel."

Besonders Haltungsschwächen werden oft überbewertet. Zum Beispiel die Diagnosen Rundrücken und Hohlrundrücken: Im frühen Schulalter sinken manche Kinder in sich zusammen. Es fehlt ihnen die Muskelkraft, um aufrecht zu sitzen. Die Wirbelsäule rundet sich ab. Diagnose: Rundrücken. Nicht selten kippt gleichzeitig das Becken nach vorn, und es bildet sich zusätzlich ein Hohlkreuz. Diagnose: Hohlrundrücken. "Ich empfehle da oft nicht einmal Krankengymnastik", sagt Carstens. "Eher einen Fußballclub." Viele vermeintliche Fehlhaltungen seien nur Durchgangsstadien einer normalen Entwicklung. Und nicht selten wirke sich die Verunsicherung, nicht normal zu sein, bei Kindern mindestens so schädlich aus wie eine leichte Fehlhaltung, meint der Orthopäde.

Beispielsweise setzen 14 Prozent aller Kinder die Füße eine Zeit lang einwärts – einer der häufigsten Anlässe für einen Besuch beim Orthopäden. Oft werden die Kinder dann mit Einlagen versorgt. "Dabei wenden sich die Füße im Laufe des Wachstums meist von selbst in eine Normalstellung", so der Mediziner. Eine Studie mit 2401 Babys, die an so genannten Sichelfüßen litten, ergab, dass sich die Fußstellung in 95 Prozent der Fälle im Jugendalter normalisierte.

Die Neigung moderner Eltern, bei der Frühförderung ihres Nachwuchses zu viel des Guten zu tun, bereitet Orthopäden und Therapeuten zunehmend Sorgen – vor allem die Tendenz, auf dubiose Hilfsmittel zu vertrauen. Bettina Radola, Physiotherapeutin aus Vechta bei Oldenburg, behandelt seit bald drei Jahrzehnten Kinder mit motorischen Störungen und Haltungsauffälligkeiten. "Häufig kommt mir bei neuen Patienten schon nach kurzer Zeit ein Verdacht", sagt Radola, "die Wippe."

Babywippen erinnern an Liegestühle; sie werden vom dritten Lebensmonat an benutzt, in der wohlmeinenden Absicht, dem Sprössling einen guten Blick auf seine Umgebung zu verschaffen. "Unser Baby kann von der Wippe aus alles sehen und hat viel Spaß!", schwärmen die Eltern. In Wirklichkeit engten die Wippen den Bewegungsdrang der Säuglinge ein, so Radola. Sie hinderten die Kleinen daran, wichtige Muskelgruppen zu trainieren. "Das kann zu Haltungsschäden führen."

Vom fünften Lebensmonat an setzen Eltern ihren Säugling dann in den "Babyhopser", um die Motorik zu fördern. Radola rät entschieden ab: "Das Kind hopst in diesem Gerät meist auf den Zehen und fühlt nicht die Belastung der gesamten Fußsohle – eine wichtige Voraussetzung für den späteren sicheren Stand." Kinder lernen im Hopser auch das richtige Abrollen der Füße nicht ausreichend. "Das Ding gehört ausgemustert", fordert die Therapeutin.