Es gibt wenige Historiker, von denen man im Moment ihres Todes sagen kann, dass sie unser Geschichtsbild auf unabsehbare Zeit prägen werden. Wer Joachim Fest nur als konservativen Publizisten, als Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, als eine Hassfigur der Linken und einen Hitler-Biografen unter Revisionismusverdacht sah, wird vielleicht einstweilen Mühe haben, ihm diese Bedeutung zuzugestehen. Aber noch größer ist die Mühe für jene, die ihn persönlich erlebten, als gutmütigen Chef oder selbstverliebten Causeur, als altmodischen Liberalen mit einer enthusiastischen Freude an abweichenden Meinungen. Denn Fest, bei aller ausgestellten Bürgerlichkeit, hatte eine spielerische Natur, und dazu gehörte auch eine Neigung, sich selbst als Monument zu inszenieren, die den Blick dafür verstellen kann, dass er dieses Monument tatsächlich war.

Eine Enthemmung wie in der NS-Zeit schien ihm jederzeit möglich

Tatsächlich hat Joachim Fest, der jetzt im Alter von 79 Jahren gestorben ist, unseren Blick auf die fortdauernd präsente Schreckensgeschichte des Dritten Reiches geprägt wie kein Zweiter.

1973 erschien seine Hitler-Biografie, und wenn sie auch in vielen Zügen von der historischen Forschung seither überholt, modifiziert und bestritten wurde, bleibt sie immer noch der größte und ehrgeizigste Versuch, Hitler nicht nur zu erzählen, sondern zu deuten. In ihrem umfassenden Anspruch ist sie nur mit der Totalitarismustheorie Hannah Arendts zu vergleichen, die Fest über die Maßen bewundert hat. Beide haben stets den erschreckend systematischen Vorlauf betont, der vom Zusammenbruch der bürgerlichen Welt im Ersten Weltkrieg zum Auftritt des Ungeheuers führte. Beiden erschien Hitler weniger als Ursache denn als Ausdruck von Tendenzen. Er war weniger der große Widerspruch der Zeit als deren Spiegelbild - unablässig stößt man auf die Spuren einer verborgenen Identität, heißt es bei Fest.

Damit ist Hitler zugleich als Phänomen der Moderne und nicht als antimoderner Rückfall gesehen, was jene Linken dauerhaft kränken musste, die ihren Begriff einer humanen Moderne gegen die Barbareien des 20. Jahrhunderts verteidigen wollten. Darin liegt aber auch das andauernd Beunruhigende der Festschen Hitler-Biografie, dass er gegen den Zeitgeist der siebziger Jahre, der alle Verantwortung auf den Kapitalismus schieben wollte, Hitlers erschreckende Verwurzelung in der deutschen Geschichte, auch Geistesgeschichte mit ihren Irrationalismen und totalitären Erlösungssehnsüchten betonte. Für Fest blieb Hitler stets aktuell, nicht weil er im Faschismus eine stets aktualisierbare Entgleisung des Kapitalismus sah, sondern eine Entgleisung bestimmter deutscher Möglichkeiten immer für denkbar hielt.

Er hat denn auch, vor allem im Alter und oft zum Entsetzen seiner Gesprächspartner, gerne betont, dass er sich zwar keine Wiederholung, aber eine vergleichbare Enthemmung jederzeit vorstellen könne. Einen Vorschein davon sah er schon in der Studentenbewegung nach 1968, nämlich in jenen Motiven, die auch in den Beschreibungen präfaschistischer Zustände immer wieder auftreten: dem Affekt gegen die Zivilisation, dem Verlangen nach Spontaneität, Rausch und Anschaulichkeit, der Vehemenz der Jugend oder der Ästhetisierung der Gewalt. Aus solchen Beobachtungen, wie mit dem Unbehagen an der Kultur immer wieder der Ruf nach revolutionärer Ursprünglichkeit und gewalttätiger Rückkehr zum Naturzustand einhergehen kann, entsprang Fests Abneigung gegen das utopische Denken, die ihn von seinen linken Zeitgenossen entfernte.

Man muss diesen Weg skizzieren, denn er war nicht vorbestimmt. 1966, bei seiner Entlassung nach drei Jahren als Chefredakteur des Norddeutschen Rundfunks, demonstrierten noch Studenten für ihn vor dem Hamburger Funkhaus. Sie vermuteten nicht ohne Grund, dass weniger Personalquerelen als vielmehr eine Sendung gegen die Notstandsgesetze und fortgesetzte Kritik an dem Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel den Unmut der CDU erregt hatten. Aber obwohl Fest in seinem altmodischen Konservatismus stets liberal und misstrauisch gegen den Staat blieb, verflogen die letzten linken Sympathien mit dem Film Hitler eine Karriere, den er 1977 nach der Biografie und mit historischem Material drehte.

Im Rückblick erstaunt der Vorwurf unziemlicher Einfühlung, ja Feier von Hitlers Aufstieg, den man dem Film machte - aber die Zeit verlangte nach ausdrücklicher Artikulation von Abscheu und sträubte sich gegen den Versuch verstehender Historiografie. Dies war auch noch zehn Jahre später der Fall bei dem Historikerstreit, den Fest 1986 unklug an der Seite Ernst Noltes in der FAZ eröffnete. Nicht nur, dass Noltes These vom logischen und faktischen Prius (das angeblich dem Bolschewismus gegenüber dem Nationalsozialismus zukäme) schon an Datierungsfehlern krankte der Versuch, dem Kommunismus eine Art Ursprungsschuld an den Naziverbrechen zu geben, wirkte auf die Öffentlichkeit als hässlicher Versuch, deutsche Verantwortung abzuwälzen.

Damals entstand der Verdacht, dass der Hitler-Biograf ein heimlich revisionistisches Verhältnis zu seinem Gegenstand unterhalte. Er avancierte für Jahre zum Lieblingsfeind der ZEIT (und anderer Medien), und Fest, in seltsam persönlicher Treue zu Nolte, unternahm nichts, um den Verdacht zu entkräften. Erst nachdem er 1993 altershalber die FAZ verlassen hatte, leistete dort Gustav Seibt die entscheidende Distanzierung von Nolte.

Eine entscheidende Erfahrung im Umgang mit den NS-Größen musste Fest allerdings selber machen, und es ehrt ihn, dass er sie öffentlich machte. Die Albert-Speer-Biografie, die er 1999 als Musterbild einer bürgerlichen Anpassungsbiografie vorlegte, hat er noch 2005 selbst einer Revision unterzogen. Denn es zeigte sich, dass er in den Gesprächen mit Speer, auf denen das Buch beruhte, über dessen Mitwisser- und Mittäterschaft gründlich belogen worden war. In dem 2005 nachgereichten Kommentar Die unbeantwortbaren Fragen: Gespräche mit Alber Speer gab er davon Zeugnis und darüber hinaus auch von den prinzipiellen Schwierigkeiten, die einer Historiografie des Hitler-Reiches entgegenstehen.

Von Thomas Mann hatte er den Sinn für das Morose der Gesellschaft

Joachim Fest, von Hause aus Jurist, war als Historiker Autodidakt, aber keineswegs so theoriefern, wie es die Fachkollegen gerne unterstellten. Schon in dem Hitler-Buch stellt er einige bemerkenswerte methodische Überlegungen an, vor allem über das Verhältnis der biografischen Erzählung zur Struktur- und Gesellschaftsgeschichte. Dass er später von Historikern vor allem epische Begabung forderte, hatte viel mit seinem eigenen literarischen Talent zu tun, führt aber in die Irre. Fest als Geschichtsschreiber gehört nicht in die Reihe der wortkarg vorwärts drängenden Erzählgenies wie Sallust oder Jakob Burckhardt oder Golo Mann, die er so hoch verehrte - er blieb immer essayistisch, reflektorisch, bewegte sich in Exkursen und Abschweifungen und langen, fein modulierten Sätzen voran, also mehr wie Thukydides oder Ranke oder, wenn wir ihn einmal als Historiker der bürgerlichen Gesellschaft nehmen: wie Thomas Mann.

Thomas Mann war überhaupt, und möglicherweise bis hin zu dem Gestus der bürgerlichen Selbststilisierung, das Zentralgestirn des Festschen Schreibens und Denkens. Das klingt vermessener, als es ist - denn es ist mehr als eine Stil-Imitation. Was in der Hitler-Biografie nicht an Hannah Arendt erinnert, das belegt den Einfluss Thomas Manns, vor allem von dessen Aufsatz Bruder Hitler. Und was in der Biografie vor allem fasziniert, ist der Mannsche Sinn für das Morose, Faulende, gründlich Verdorbene der Gesellschaft, die Hitler möglich gemacht hat.

Denn die Bürgerlichkeit, die Fest später als Gegengift zum totalitären Utopismus entdeckte, bleibt ihm stets ambivalent, am deutlichsten vielleicht in seinem Buch über den gescheiterten Staatsstreich vom 20.

Juli. Er hätte aber auch in all den anderen, den nichthistorischen Werken, die hier nicht erwähnt wurden, kaum den stilistischen Glanz entfaltet, wenn er nicht am Ende mehr Künstler als Bürger gewesen wäre. Eine letzte Probe davon gab er wenige Wochen vor dem Tode mit seiner Jugendbiografie (siehe die Rezension auf Seite 61).