Im Rückblick erstaunt der Vorwurf unziemlicher Einfühlung, ja Feier von Hitlers Aufstieg, den man dem Film machte - aber die Zeit verlangte nach ausdrücklicher Artikulation von Abscheu und sträubte sich gegen den Versuch verstehender Historiografie. Dies war auch noch zehn Jahre später der Fall bei dem Historikerstreit, den Fest 1986 unklug an der Seite Ernst Noltes in der FAZ eröffnete. Nicht nur, dass Noltes These vom logischen und faktischen Prius (das angeblich dem Bolschewismus gegenüber dem Nationalsozialismus zukäme) schon an Datierungsfehlern krankte der Versuch, dem Kommunismus eine Art Ursprungsschuld an den Naziverbrechen zu geben, wirkte auf die Öffentlichkeit als hässlicher Versuch, deutsche Verantwortung abzuwälzen.

Damals entstand der Verdacht, dass der Hitler-Biograf ein heimlich revisionistisches Verhältnis zu seinem Gegenstand unterhalte. Er avancierte für Jahre zum Lieblingsfeind der ZEIT (und anderer Medien), und Fest, in seltsam persönlicher Treue zu Nolte, unternahm nichts, um den Verdacht zu entkräften. Erst nachdem er 1993 altershalber die FAZ verlassen hatte, leistete dort Gustav Seibt die entscheidende Distanzierung von Nolte.

Eine entscheidende Erfahrung im Umgang mit den NS-Größen musste Fest allerdings selber machen, und es ehrt ihn, dass er sie öffentlich machte. Die Albert-Speer-Biografie, die er 1999 als Musterbild einer bürgerlichen Anpassungsbiografie vorlegte, hat er noch 2005 selbst einer Revision unterzogen. Denn es zeigte sich, dass er in den Gesprächen mit Speer, auf denen das Buch beruhte, über dessen Mitwisser- und Mittäterschaft gründlich belogen worden war. In dem 2005 nachgereichten Kommentar Die unbeantwortbaren Fragen: Gespräche mit Alber Speer gab er davon Zeugnis und darüber hinaus auch von den prinzipiellen Schwierigkeiten, die einer Historiografie des Hitler-Reiches entgegenstehen.

Von Thomas Mann hatte er den Sinn für das Morose der Gesellschaft

Joachim Fest, von Hause aus Jurist, war als Historiker Autodidakt, aber keineswegs so theoriefern, wie es die Fachkollegen gerne unterstellten. Schon in dem Hitler-Buch stellt er einige bemerkenswerte methodische Überlegungen an, vor allem über das Verhältnis der biografischen Erzählung zur Struktur- und Gesellschaftsgeschichte. Dass er später von Historikern vor allem epische Begabung forderte, hatte viel mit seinem eigenen literarischen Talent zu tun, führt aber in die Irre. Fest als Geschichtsschreiber gehört nicht in die Reihe der wortkarg vorwärts drängenden Erzählgenies wie Sallust oder Jakob Burckhardt oder Golo Mann, die er so hoch verehrte - er blieb immer essayistisch, reflektorisch, bewegte sich in Exkursen und Abschweifungen und langen, fein modulierten Sätzen voran, also mehr wie Thukydides oder Ranke oder, wenn wir ihn einmal als Historiker der bürgerlichen Gesellschaft nehmen: wie Thomas Mann.

Thomas Mann war überhaupt, und möglicherweise bis hin zu dem Gestus der bürgerlichen Selbststilisierung, das Zentralgestirn des Festschen Schreibens und Denkens. Das klingt vermessener, als es ist - denn es ist mehr als eine Stil-Imitation. Was in der Hitler-Biografie nicht an Hannah Arendt erinnert, das belegt den Einfluss Thomas Manns, vor allem von dessen Aufsatz Bruder Hitler. Und was in der Biografie vor allem fasziniert, ist der Mannsche Sinn für das Morose, Faulende, gründlich Verdorbene der Gesellschaft, die Hitler möglich gemacht hat.

Denn die Bürgerlichkeit, die Fest später als Gegengift zum totalitären Utopismus entdeckte, bleibt ihm stets ambivalent, am deutlichsten vielleicht in seinem Buch über den gescheiterten Staatsstreich vom 20.