Der berüchtigten Verwandlung des Menschen durch das Amt geht heute die Verwandlung des Menschen durch die Medien voraus. Wir wählen Politiker und Politikerinnen nicht mehr, wie sie sind, sondern als was sie sich zur Wahl stellen sollen. Die Wahl ist vorverlegt. Sie findet statt vor ihrem eigentlichen Termin und greift in die Kandidaten hinein. Journalisten und Bürger, die von Journalisten und demoskopischen Instituten befragt werden, stimmen für Erscheinung, Eigenschaften und Programm eines Politikers, einer Politikerin – oder dagegen. Dann scheint es der Person geraten, sich zu verändern. Wer in einer Mediendemokratie Macht will, wird vermutlich der Erste sein, den diese Macht unterwirft.

Kein Politiker und keine Politikerin dieses Landes hat sich je vor einer Wahl so verändert wie Angela Merkel. Sie wurde zu einer radikalen Sozialreformerin, einer modisch gekleideten, klassisch geschminkten Frau. Wobei hier nicht über das Wesen der Person spekuliert werden soll, sondern allein die ausgesendeten Signale bezeichnet sind.

Was Merkels Erscheinung betrifft, so fiel die Wahl vor der Wahl eindeutig aus. Linke wie Rechte, Volk und Eliten, nicht zuletzt: Männer und Frauen kritisierten ihr Äußeres, urteilten es hämisch und respektlos ab. Die geballte Lektüre der Presseartikel zeigt: Es war einer der großen Diskurse der vergangenen Jahre. Deutschland hatte etwas entdeckt, was es nicht tolerieren konnte.

Um Merkels Kritiker bloßzustellen, bedarf es keiner Wiederholung der Kritik. Bezeichnender ist das Lob, denn im Lob offenbart sich das Ideal. "Kohls Mädchen" überrasche mit "neuem Ladylook", trage ein Jackett, "leuchtend wie ein Sonnenaufgang". Merkel sei nun "in Hamburg genauso wählbar wie in Halle". Der ehemalige Bonner Bundestagsfriseur wird mit den Worten zitiert: "Der neue Merkel-Look ist wirklich spektakulär, das beste Make-over der letzten zehn Jahre."

Merkels Kleider schneidere nun Anna von Griesheim, die der Presse ihren Stil so beschreibt: "Tagsüber Kostüm, abends Prinzesschen." Sie mache "die Mode der Macht – der politischen Macht und der Medienmacht". Sabine Christiansen, Maybrit Illner, Sandra Maischberger: "Sie alle vertrauen Anna von Griesheim in der wohl heikelsten Frage einer Frau" – die lautet? Richtig: "Was ziehe ich an?"