Die Sache ist ganz einfach: Frauen können das, was sie für andere Frauen entwerfen, selbst anziehen. Der Pariser Designer Louis Féraud verstand das noch Anfang der siebziger Jahre als Beschränkung: "Großer Gott, die Weiber kommen. Die blöden Hühner haben doch keine Ahnung. Sie können nur Mode machen, die ihnen selbst steht." Der ehemalige Gucci-Designer Tom Ford sagte noch im vergangenen Jahr, Frauen näherten sich dem Design nicht mit der Fantasie, sondern vom Standpunkt der Praktikabilität. Männer seien objektiver im Blick auf die Frau: "Wir kennen das Hindernis nicht, bestimmte Teile unseres Körpers zu hassen."

Bisher waren Frauen als Chefdesignerinnen großer Modehäuser rar. Da gab es Stella McCartney, die seit 1997 für Chloé Kleider in verspielter Rock-chick-Manier und Hosen in Sportswear-Lässigkeit erfand und das angestaubte Pariser Haus in die Liga der begehrtesten Marken hochspielte. McCartneys Nachfolge trat ihre ehemalige Assistentin Phoebe Philo an. Kürzlich verließ Philo das Haus, um sich mehr ihrer Familie zu widmen. Damit sind die Rollenwechsel der modernen Frau auch in der Modewelt angekommen.

Die Tendenz aber ist klar: Frauen werden dort in Führungspositionen immer zahlreicher. Beide großen Luxuskonzerne beriefen vergangenes Jahr eine Kreativdirektorin: Bei der Gucci-Gruppe war es Frida Giannini als Nachfolgerin für Tom Ford bei Gucci. LVMH holte Ivana Omazic als Kreativchefin zu Céline. Beim italienischen Modehaus Brioni entwirft seit kurzem Cristina Ortiz die Damenkollektion – allesamt Frauen in den Dreißigern, eine neue Generation.

Für Umberto Angeloni, CEO von Brioni, steht Ortiz’ Berufung für einen Trend zur "funktionaleren Seite der Mode". Was einmal Makel schien, gilt jetzt als Vorteil. "Eine Frau überlegt eher, wie sie sich in den Kleidern fühlt, ein Mann, wie sie darin aussieht", sagt Jean Marc Loubier, Präsident von Céline. Loubier hat Ivana Omazic vor zwei Saisons berufen; "nicht, weil sie eine Frau ist", wie er betonte. Dabei liegt gerade bei Céline die Berufung einer Frau nahe. Gegründet von Céline Vipiana 1946 als Firma für Kinderschuhe, kam bei Céline bald Kleidung und schließlich Prêt-à-Porter für Damen hinzu. Vipiana spielte die Realität gegen die Illusion aus. Die Mode müsse den Bedürfnissen entsprechen, sich gemeinsam mit den Frauen verändern. 1979 sagte Vipiana, die Frau, die sie beim Entwerfen vor Augen habe, sei wie sie selbst: "Sie ist dynamisch, sie arbeitet, sie reist viel und sie verlässt sich nicht auf extravagante, allzu exzentrische Kleidung, um die Leute zu überzeugen, dass sie sei eine großartige Persönlichkeit sei."

Die eigene Mode durch sich selbst beglaubigen, genau das hatte schon Coco Chanel getan, als sie ihren neuen Stil lancierte: "Ich habe als Erste das Leben des 20. Jahrhunderts gelebt." Niemand schien geeigneter, die moderne Frau anzuziehen, als diese moderne Frau selbst.Chanel hatte wenig Angst vor einer "Vermännlichung" der Frau, von der in den zwanziger Jahren die Rede war. Damals sah man die schmale neue Linie mit der tiefgezogenen Taille im scharfen Kontrast zur kurvigen Korsettsilhouette, die gerade noch modern gewesen war. Dazu die Garçonne und all die Bubiköpfe in den Großstädten: Die Mode verbildlichte die Neue Frau, und das erstmals massenhaft. Chanel führte Männermaterialien in die Frauenmode ein, erst den Jersey, später den Tweed. Eleganz, das galt schon für ihr "Kleines Schwarzes" von 1926, musste auch tragbar sein.

Die vielen großen Frauen in der Mode, Coco Chanel und Jeanne Lanvin, Elsa Schiaparelli und Madeleine Vionnet, waren allerdings nur eine Zwischenphase. Als Christian Dior 1947 seinen "New Look" vorstellte, empörte sich Chanel, er ließe Frauen aussehen wie Transvestiten: mit schmalen Taillen, weiten Röcken und einer Polsterung, die nichts zuließ als damenhafte Positur. 1956 eröffnete sie ihr Modehaus erneut, setzte ihr Kostüm dagegen und führte damit die gerade Linie der Zwanziger fort.

Céline Vipianas Konzept der arbeitenden Frau allerdings fiel in eine Zeit, in der Emanzipationsanspruch und Schönheitsbemühen kaum zusammengingen. Als tragbar galt allenfalls Antimode. In den achtziger Jahren verlieh die Powersilhouette mit mächtigen Schulterpolstern auch Frauen eine männliche Statur, in den Neunzigern kam der Gender-Begriff auf, der Feminismus verlor sich im Nebel, bis er schließlich als Genörgel galt. Für die Postfeministinnen war Unbehagen an der aktuellen Mode tabu, ebenso wie für die Feministinnen einst die Mode an sich. Als souverän galt die vorauseilende Verkörperung der neuen Sexyness, die Designer wie Tom Ford für Gucci propagierten.