Zwei kräftige Schneidezähne ragten zuerst aus dem weißlichen Lehm neben den Überresten eines 7200 Jahre alten Brunnens. Archäologen des sächsischen Landesamtes für Denkmalschutz hatten die Reste eines Dorfes aus der Jungsteinzeit bei einer Rettungsgrabung entdeckt. Hier, bei Brodau, nördlich von Leipzig, soll künftig vom Braunkohletagebau Delitzsch Südwest Wasser abgeleitet werden zum nahen Loberbach. Der dazu geplante Graben schlängelt sich quer durch das Steinzeitdorf und schneidet zufällig am Dorfrand den alten Brunnen. In ihm steckt ein ausgehöhlter Baumstamm als Brunnenröhre, drum herum sicherten die Steinzeitler ihre Baugrube mit einem Viereck aus Eichenbalken. Die ursprüngliche Brunnentiefe schätzt Grabungsleiter Harald Stäuble auf fünf Meter.

Weil die Schneidezähne fest im Lehm steckten, legten die Ausgräber vorsichtig mit Zahnarztbesteck den Tierschädel weiter frei und vermuteten: Hundekopf. Falsch. Die herbeigerufene Archäozoologin Henriette Kroll erkannte sofort auf Schwein. Sie barg das aufrecht sitzende, etwa zehn Wochen alte Ferkel Knochen für Knochen. Heraus kam das älteste komplett erhaltene Schwein in Mitteleuropa. Auf der anderen Seite des Brunnens fand sich noch ein gleichaltriges halbes Ferkel im Erdreich.

Ein Glücksschwein für die Archäologie, sagt Stäuble. Für ihn ist das Ferkel ein sehr alter Nachweis eines Bauopfers. Hier sollte wohl der Erfolg des Brunnenbaus mit einer rituellen Handlung gefördert werden.

Die Archäologin Ines Beilke-Voigt von der Humboldt Universität Berlin sagt: Vergrabene Schweine sind typisch für die Steinzeit. Sie habilitiert sich gerade über archäologische Opfer. So wurden Hunde seit der Eisenzeit (von 700 vor Christus an) bevorzugt unter Türschwellen vergraben. Kühe, Schafe, Ziegen, Katzen und Geflügel oder Teile von ihnen fanden Archäologen unter Pfosten, Herden und Fußböden.

Schwarze Tiere sind überproportional vertreten. In der Bretagne war es bis ins 18. Jahrhundert üblich, Hahnenblut auf das Fundament eines Neubaus zu versprühen. Beilke-Voigt sah selbst eine solche Zeremonie 1996 in Istanbul mit einem Lamm, dessen Blut in den flüssigen Beton gemischt wurde. Das Fleisch bekamen die Nachbarn.

Ethnologen fanden im 20. Jahrhundert weltweit Beispiele für Opfer und Magie beim Hausbau. Manchmal sollten die Erdgeister beschwichtigt werden, da ja das Erdreich beschädigt war. Böse Kräfte sollten abgewehrt und das Haus sollte geschützt werden. Dennoch will Beilke-Voigt den Begriff Bauopfer auf die Funde aus der Stein- und Eisenzeit nicht anwenden. Sie spricht lieber wissenschaftlich vorsichtig von gezielter Niederlegung. Man weiß ja nicht, was sich die Leute damals dabei gedacht haben. Tatsächlich haben Archäologen vergrabene Tier- oder Menschenknochen oft vorschnell zu Bauopfern erklärt, ohne dass sich eine rituelle Tötung überhaupt nachweisen ließ.

Auch beim Brodau-Ferkel ist nicht erkennbar, wie es gestorben ist.