Sein Gegner heißt Klaus Wowereit, aber eigentlich kämpft Friedbert Pflüger nur noch gegen die Umfragen. Vergangenen Montag etwa besucht der Spitzenkandidat der Berliner CDU ein Hörgeschädigtenzentrum für Kinder in Neukölln (West), das mit einer ähnlichen Einrichtung in Friedrichshain (Ost) fusionieren soll. Pflüger sitzt auf einem gelben Sofa zwischen Kinderspielzeug und Betroffenen und verspricht, dass die Einrichtung nicht geschlossen wird, wenn ich gewählt werde.

Engagieren werde er sich, auch wenn es nicht klappt. Zu allem Unglück laboriert er gerade jetzt im Wahlkampf-Endspurt an einer Erkältung. Er wirkt, als könne er selbst Trost vertragen. Vor der Tür warten zwei Kamerateams. Sie wollen wissen, ob er bei den Umfragedaten nicht gleich einpacken könne, nach seinen Plänen für die Sozialpolitik fragt niemand. Pflüger sagt, er rechne sich alle Chancen aus, aber er weiß, dass er kaum Chancen hat. Es kommt darauf an, erhobenen Hauptes aus der Sache rauszukommen.

Auf Friedbert Pflügers Homepage findet sich eine Auswahl der Bücher, die er geschrieben hat, die Themen reichen von Umweltpolitik über europäische Sicherheitspolitik im 21. Jahrhundert bis hin zur islamistischen Herausforderung. Auf Klaus Wowereits Homepage finden sich Kochrezepte. Niemand bezweifelt, dass Pflüger seinem Kontrahenten intellektuell überlegen ist, niemand bezweifelt, dass Berlin ein wirtschaftlicher Pflegefall ist. 60 Milliarden Euro Schulden, 600000 Stunden Unterrichtsausfall, 300000 Arbeitslose, mit diesen Zahlen versucht Pflüger zu argumentieren. Die Zahlen, an denen er regelmäßig scheitert, melden die Umfrage-Institute: Rund 20 Prozent für die CDU, 75 Prozent kennen den Spitzenkandidaten nicht genug.

Eine desolate Partei, eine Stadt ohne Wirtschaft und Bürgertum dass es schwer werden würde in Berlin, hat Pflüger von Anfang an gewusst.

Wie schwer es wurde, hat ihn dann doch überrascht. Niemand, tröstet sich Pflüger, sage über ihn: Der kann das nicht. Das Problem ist eher, dass sich die Frage auch fast keiner stellt, weil sich der Eindruck festgesetzt hat: Der schafft das eh nicht. Es fehlt die Machtoption, und deshalb sind die Umfragen nicht nur frustrierend, sie sind ein strategisches Problem.

Der Bundestrend ist nicht hilfreich. Mehrwertsteuererhöhung, Rente ab 67, Gesundheitsmurks sind die Themen, mit denen sich Pflüger an Wahlständen herumärgern muss, schließlich ist er Staatssekretär im Bundeskabinett, einer von denen da oben. Einer aus Hannover, der im bürgerlichen Charlottenburg wohnt, aber den Problemkiez Neukölln zu seinem Wahlkreis gemacht hat. Pflüger sagt, er sei ganz bewusst nicht nach Charlottenburg gegangen, so wie es ihm die meisten wohl geraten hätten. Ich wollte deutlich machen: Ich gehe da mitten rein, sagt er. Das sei ja gerade das Schöne an der Aufgabe, dass es so spannend und schwierig sei. Es ist wohl auch so, dass er es allen mal zeigen wollte, das Musterknaben-Image loswerden, das ihn seit seinen Tagen als Assistent Richard von Weizsäckers verfolgt.

Aber so wagemutig, wie Pflüger sein wollte, war er nicht, der Abschied vom alten Leben als Bundespolitiker fiel ihm schwer. Die Chance, seine Kandidatur mit dem Anspruch auf den Landes- und Fraktionsvorsitz zu verbinden, ließ Pflüger verstreichen, er wollte die Unterstützung der eigenen Truppe nicht riskieren. Spät, zu spät erst erklärte er, auch nach der Wahl in Berlin zu bleiben, notfalls als Oppositionsführer.