Pöbeleien und Grölereien von zumeist alkoholisierten rechtsradikalen Störenfrieden, das war fast schon eine Art traurige Folklore im Wahlkampf, vor allem im Osten Deutschlands. Rempeleien, körperliche Gewalt, gezielte Einschüchterungen als Wahlkampfstrategie – das ist neu. In Berlin wurde am vergangenen Wochenende ein 23-jähriger Wahlhelfer der SPD von zwei mutmaßlichen Anhängern der rechten Szene zusammengeschlagen, als er im Stadtteil Marzahn Plakate anbringen wollte. Mit schweren Kopfverletzungen und Prellungen am ganzen Körper musste er ins Krankenhaus.

Der CDU-Abgeordnete Sascha Steuer fand sich am selben Wochenende in seinem Wahlkreis Rudow unversehens von Jugendlichen in kurzen Hosen und mit Runen-Tätowierungen umringt. Immer wieder fielen die Männer dem 31-Jährigen ins Wort, bevor einige der Störer vier große blaue Mülltüten auspackten und Passanten empfahlen, ihr Infomaterial besser zu entsorgen, das sei "eh alles Müll". Die Vermutung, dass es sich um Sympathisanten der NPD handelt, die gezielt angestachelt werden, hält Steuer für evident: Die Jugendlichen seien in Begleitung des NPD-Landesvorsitzenden Eckart Bräuniger gewesen. Inzwischen häufen sich die Berichte über ähnliche Vorfälle. Innensenator Erhart Körting, der Verfassungsschutz und die anderen Parteien beäugen besorgt den Berliner Wahlkampf. Von einer "neuen Qualität" spricht Körting (SPD): "Körperliche Angriffe, das hat es bisher nicht gegeben." Beim Berliner Verfassungsschutz heißt es, man beobachte "bereits seit längerem eine zunehmende Gewaltbereitschaft in der rechtsextremistischen Szene".

Diese sei zudem besser organisiert als in den vergangenen Wahlkämpfen. Die NPD und die Republikaner hätten sich anscheinend abgesprochen, wer in welchem Bezirk antritt. So solle verhindert werden, dass Stimmen durch Konkurrenz aus dem eigenen Lager verloren gingen. Außerdem trete die NPD gezielt mit eigentlich verbotenen "Kameradschaften" auf, um Wahlkampfveranstaltungen anderer Parteien zu stören.

Die Anhänger der ultrarechten Szene gehen immer nach demselben Muster vor: Sie treten in Gruppen auf, provozieren durch Anwesenheit. Mal blockieren sie die ersten drei Sitzreihen bei einem Sommerfest, mal filmen sie echt oder vermeintlich Besucher von Juso-Veranstaltungen. Oft folgen Beschimpfungen und Drohungen. Eine Veranstaltung der Berliner Jusos zum Thema "Bekämpfung des Rechtsextremismus" wurde Ende August im Bezirk Lichterfelde von einer Gruppe Neonazis gesprengt. Die Linkspartei musste einen Infostand in Rudow schließen, weil Rechtsextreme ihn mit Leuchtkugeln beschossen hatten. Die Grünen wurden Anfang der Woche an einem Stand in Lichtenberg beschimpft. "Euch kriegen wir", mussten sich die Wahlhelfer und die anwesende Claudia Roth anhören, dazu zeigten die Störer den Hitlergruß. Und am Montag traf eine E-Mail unbekannten Absenders in mehreren CDU-Geschäftsstellen ein. "Alle Infostände von euch werden in den nächsten Tagen entfernt", heißt es in dem anonymen Schreiben. "Wir entsorgen euch mit brutaler Gewalt." Die CDU hat das Schreiben an das Landeskriminalamt weitergeleitet.

In Mecklenburg-Vorpommern, wo die NPD rund sieben Prozent in den Umfragen hat und vermutlich in den Landtag einziehen wird, wurden allein bei der SPD in zwei Monaten 20 ähnliche Vorfälle gemeldet. Da braue sich etwas zusammen, warnte Ministerpräsident Harald Ringstorff jüngst im Präsidium seiner Partei. Der Erfolg der Rechten könnte die Hauptnachricht der Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin werden, bundesweite Betroffenheit ist programmiert.