"Ja. Wir sind schuld", steht auf dem kleinen blauen Heftchen, das Wolfgang Methling, Spitzenkandidat der Linkspartei.PDS in Mecklenburg-Vorpommern, bei seinen Wahlkampfauftritten immer aus der schwarzen Tasche holt. Das ist zwar ironisch gemeint, weil in dem Heft ja die Verdienste der seit 1998 an der Landesregierung beteiligten PDS aufgezählt werden. Aber die Ironie ist so trocken, dass sie zu Staub zerfällt, und der legt sich auf Methlings große Gestalt, und wenn er dann noch sagt: "Wir wollen ehrlich sein", "Wir wollen bescheiden sein", "Wir wollen aufrichtig sein", und das mit seiner tiefen, langsamen, tonlosen Stimme aus dem großen, faltengrauen Gesicht heraus, dann muss man sich irgendwann mal daran erinnern, dass es sich hier nicht um den Gottesdienst einer altlutherischen Gemeinde handelt, sondern um die Wahlkampfveranstaltung einer Regierungspartei, die am 17. September im Amt bestätigt werden will.

Protestantische Demut und ostdeutsche Nüchternheit sind, zumal in Kombination, keine idealen Voraussetzungen für eine lebendige politische Auseinandersetzung. Passen aber atmosphärisch ganz gut zum Charakter einer rot-roten Koalition. Denn die hat ja nie das fröhliche Feuer entwickeln können, das einst die rot-grüne umloderte. Weder in Schwerin noch in Berlin, wo die gleiche Politkonstellation ebenfalls an diesem Sonntag zur Wahl steht, hat es zwischen Rot und Rot auch nur annähernd so gefunkt wie einst bei der leidenschaftlichen Vereinigung von grünem Eros und rotem Logos, wenn man das mal so nennen darf. Ein rot-rotes Projekt – analog zum rot-grünen – ist aus der politischen Zusammenarbeit zwischen Sozialisten und Sozialdemokraten bisher nicht geworden. Wird sich das eines Tages ändern?

Mit Wolfgang Methling, dem stellvertretenden Ministerpräsidenten und Umweltminister, braucht man so was nicht zu besprechen. Der kommt vom Land, Kavelstorf bei Rostock. So einem geht das zu weit in die Zukunft. Kann man nicht anfassen. Man habe doch viel erreicht, murmelt er, und viel bleibe zu tun, und überhaupt sei ja Zufriedenheit kein Kriterium in der Politik, sagt er, sondern Ergebnisse. Die PDS habe alle Krankenhausstandorte erhalten und irgendein Pflegewohngeld eingeführt, sagt Methling, darauf komme es an. Das erzählt er übrigens in einem Haus der Volkssolidarität, einem der wenigen wirklichen Überbleibsel der DDR, am besten zu verstehen als eine Art säkularer Caritas. An den Tischen sitzen alte bis sehr alte Leute aus der Ortsgruppe 1 der Volkssolidarität, Parchim Weststadt, und unter dem Tisch liegt ein furzender Blindenhund, was aber Methling überhaupt nicht anficht, der ja selbst Tierarzt ist und über Kälberblut promoviert hat. Die Linkspartei.PDS wird heuer auf 24 Prozent geschätzt, das wären acht mehr als 2002. Dieses Mal werden wir mehr originäre PDS-Politik fordern, folgert Methling daraus selbstverständlich.

Da wird sich die SPD freuen, die in den vergangenen Jahren nicht eben wenig Ärger mit ihrem Partner hatte: Regieren unter Vorbehalt der Zustimmung der Basis, Sonderparteitage allenthalben, Warten auf das Votum einer Regionalkonferenz – an der Küste hat es das sozialistische Fußvolk weder der eigenen Führung noch den Koalitions-Sozis leicht gemacht, und die mecklenburgischen Chefsozialisten zeigten sich einigermaßen machtlos. "Ich habe dem Methling gesagt, ihr müsst euren Landesverband hinter euch bekommen", sagt in Berlin PDS-Fürst Gregor Gysi und macht da, anders als es sonst seine Art ist, keine Witze: "Solche Hängepartien im Landtag kann man ein-, zweimal machen, dann ist aber Schluss!"

Vor allem beim Großthema Verwaltungsreform hatte die mecklenburgische PDS nämlich in den vergangenen Jahren eine erbärmliche Vorstellung gegeben: Seit 2003 wollte die SPD da ran. Die PDS-Basis leistete jahrelangen Widerstand, und selbst als es im April dann zur Abstimmung im Landtag kam, stimmte nur eine Minderheit der PDS-Abgeordneten für das Gesetzeswerk, das knapp verabschiedet werden konnte. Es sei "schon problematisch", sagte nachher der nur milde erleichterte Ministerpräsident Harald Ringstorff mit zusammengebissenen Zähnen, "wenn bei einem solch zentralen Thema wie der Verwaltungsreform eine Parteiführung innerhalb der eigenen Fraktion keine Mehrheit hat". Ringstorff hat demnach keinen Grund, besonders an Rot-Rot zu hängen. Trotzdem wird er sich, wenn er die Wahl hat, für die Fortsetzung der rot-roten Koalition entscheiden. Ohne Emotionen.

Einen derart pragmatischen Umgang mit den SED-Nachfolgern zu finden war für die SPD nicht ganz einfach. Als Ringstorff 1998 die erste rot-rote Koalition auf Landesebene errichtete, ging es dennoch darum, wie Gregor Gysi heute sagt, "den Lesern der Bild- Zeitung klarzumachen, dass keine russischen Panzer kommen und auch keine kleinen Kinder gefressen werden, wenn wir mitregieren". Das Ziel ist erreicht. Nicht mal der politische Gegner mag sich an Rot-Rot so recht entzünden. Den Gipfel der politischen Polemik – jedenfalls aus Mecklenburger Sicht – hat offenbar neulich der christdemokratische Herausforderer Jürgen Seidel bei einer Podiumsdiskussion erklommen, an die sich der fromme Tierarzt Wolfgang Methling mit Grausen erinnert. Seidel habe da etwas gesagt, stöhnt Methling, "das hätte mich fast auf die Bretter gehauen". Man rechnet jetzt natürlich mit schweren Geschützen, mit Stechschritt, Stasi, Stacheldraht oder so. Aber Methling sagt: "Seidel hat doch tatsächlich von der rot-roten Koalition als ›diesem unseligen Politikmodell‹ gesprochen."

Daraus kann man zweierlei lernen: Von einem mecklenburgischen Wahlkämpfer angegriffen zu werden ist ein bisschen, wie von einem Schaf angegriffen zu werden. Und: Selbst der CDU wird der Antikommunismus langsam langweilig. Rot-Rot auf Landesebene wird "bundesweit als Normalität akzeptiert", wie die rechte Welt zu Jahresbeginn geschrieben hat. Und selbst im äußersten Berliner Westen, wo man zwischen den staubig-dürren Eichen und Fichten der Bezirke Zehlendorf, Wilmersdorf und Steglitz durchaus langlebige antikommunistische Ressentiments und frontstadtverhärtete Seelen vermuten könnte, haut die PDS heute niemanden mehr von den Socken. "Wenn überhaupt, haben wir hier eher Probleme, unseren schwulen Bürgermeister zu vermitteln, als die PDS", sagt der lokale Kandidat Holger Thärichen. Als "absolut zuverlässig" gelten in Berliner SPD-Kreisen PDS-Ressortleiter wie Harald Wolf (Wirtschaft) und Heidi Knake-Werner (Soziales), was ein zweischneidiges Lob ist, weil es im bankrotten Berlin vor allem bedeutet: Mit denen kann man sparen.

Eine organische Verbindung, wie sie sich einst aus den rot-grünen oder auch den schwarz-gelben politischen Substanzen ergeben hat, ist aber auch in Berlin aus Rot-Rot nie geworden. Das liegt nicht nur an der sprichwörtlichen Neigung der Linken zur Selbstzerfleischung – hinlänglich bekannt von den legendären Auseinandersetzungen zwischen der Judäischen Volksfront und der Volksfront von Judäa über den Streit Bakunins mit Marx bis hin zu der mit allem Ernst durchgeführten Sezession der Berliner WASG von ihrem Bundesverband. Es liegt vor allem ganz pragmatisch daran, dass die Linkspartei.PDS im Osten – sowohl der Stadt als auch der Republik – selber eine Volkspartei ist. Sie ist als natürlicher Partner für die SPD schlicht zu groß. Und im Westen spielt sie überhaupt erst eine Rolle seit der Gründung und dem relativen Erfolg der WASG.

Beides allerdings wäre ohne die Figur Oskar Lafontaines nicht denkbar gewesen – der nun seinerseits für die SPD schlicht nicht mehr vermittelbar ist. Und umgekehrt. "Herr Lafontaine, wir kennen uns schon lange. Wir waren sogar einmal über unsere politische Zusammenarbeit hinaus befreundet; das ist bekannt. Aber ich halte es für unglaublich, was für eine politische Entwicklung Sie genommen haben", entrüstete sich erst in der vergangenen Woche SPD-Fraktionschef Peter Struck im Bundestag: "Dafür habe ich überhaupt kein Verständnis." Worauf Lafontaine zurückgiftete: "Dieses Kompliment kann ich zurückgeben!" Zusammenarbeit ist da – bei allem Pragmatismus – nicht mehr denkbar.

Wenn die Linkspartei im Bund mitmischen will, muss sie erst Oskar Lafontaine loswerden. Andererseits braucht sie ihn aber für den Ausbau im Westen. Aus diesem Dilemma gibt es nur einen Ausweg: Warten. Bei der nächsten Bundestagswahl, sei es regulär im Jahr 2009 oder vorher, wird ein rot-rotes Bündnis im Bund nicht zur Debatte stehen, heißt es in der Berliner PDS-Zentrale. Im Jahr 2013 könnte es anders aussehen. Oskar Lafontaine wird dann nur noch ein zorniger 70-jähriger Politrentner sein.

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