Einen derart pragmatischen Umgang mit den SED-Nachfolgern zu finden war für die SPD nicht ganz einfach. Als Ringstorff 1998 die erste rot-rote Koalition auf Landesebene errichtete, ging es dennoch darum, wie Gregor Gysi heute sagt, "den Lesern der Bild- Zeitung klarzumachen, dass keine russischen Panzer kommen und auch keine kleinen Kinder gefressen werden, wenn wir mitregieren". Das Ziel ist erreicht. Nicht mal der politische Gegner mag sich an Rot-Rot so recht entzünden. Den Gipfel der politischen Polemik – jedenfalls aus Mecklenburger Sicht – hat offenbar neulich der christdemokratische Herausforderer Jürgen Seidel bei einer Podiumsdiskussion erklommen, an die sich der fromme Tierarzt Wolfgang Methling mit Grausen erinnert. Seidel habe da etwas gesagt, stöhnt Methling, "das hätte mich fast auf die Bretter gehauen". Man rechnet jetzt natürlich mit schweren Geschützen, mit Stechschritt, Stasi, Stacheldraht oder so. Aber Methling sagt: "Seidel hat doch tatsächlich von der rot-roten Koalition als ›diesem unseligen Politikmodell‹ gesprochen."

Daraus kann man zweierlei lernen: Von einem mecklenburgischen Wahlkämpfer angegriffen zu werden ist ein bisschen, wie von einem Schaf angegriffen zu werden. Und: Selbst der CDU wird der Antikommunismus langsam langweilig. Rot-Rot auf Landesebene wird "bundesweit als Normalität akzeptiert", wie die rechte Welt zu Jahresbeginn geschrieben hat. Und selbst im äußersten Berliner Westen, wo man zwischen den staubig-dürren Eichen und Fichten der Bezirke Zehlendorf, Wilmersdorf und Steglitz durchaus langlebige antikommunistische Ressentiments und frontstadtverhärtete Seelen vermuten könnte, haut die PDS heute niemanden mehr von den Socken. "Wenn überhaupt, haben wir hier eher Probleme, unseren schwulen Bürgermeister zu vermitteln, als die PDS", sagt der lokale Kandidat Holger Thärichen. Als "absolut zuverlässig" gelten in Berliner SPD-Kreisen PDS-Ressortleiter wie Harald Wolf (Wirtschaft) und Heidi Knake-Werner (Soziales), was ein zweischneidiges Lob ist, weil es im bankrotten Berlin vor allem bedeutet: Mit denen kann man sparen.

Eine organische Verbindung, wie sie sich einst aus den rot-grünen oder auch den schwarz-gelben politischen Substanzen ergeben hat, ist aber auch in Berlin aus Rot-Rot nie geworden. Das liegt nicht nur an der sprichwörtlichen Neigung der Linken zur Selbstzerfleischung – hinlänglich bekannt von den legendären Auseinandersetzungen zwischen der Judäischen Volksfront und der Volksfront von Judäa über den Streit Bakunins mit Marx bis hin zu der mit allem Ernst durchgeführten Sezession der Berliner WASG von ihrem Bundesverband. Es liegt vor allem ganz pragmatisch daran, dass die Linkspartei.PDS im Osten – sowohl der Stadt als auch der Republik – selber eine Volkspartei ist. Sie ist als natürlicher Partner für die SPD schlicht zu groß. Und im Westen spielt sie überhaupt erst eine Rolle seit der Gründung und dem relativen Erfolg der WASG.

Beides allerdings wäre ohne die Figur Oskar Lafontaines nicht denkbar gewesen – der nun seinerseits für die SPD schlicht nicht mehr vermittelbar ist. Und umgekehrt. "Herr Lafontaine, wir kennen uns schon lange. Wir waren sogar einmal über unsere politische Zusammenarbeit hinaus befreundet; das ist bekannt. Aber ich halte es für unglaublich, was für eine politische Entwicklung Sie genommen haben", entrüstete sich erst in der vergangenen Woche SPD-Fraktionschef Peter Struck im Bundestag: "Dafür habe ich überhaupt kein Verständnis." Worauf Lafontaine zurückgiftete: "Dieses Kompliment kann ich zurückgeben!" Zusammenarbeit ist da – bei allem Pragmatismus – nicht mehr denkbar.

Wenn die Linkspartei im Bund mitmischen will, muss sie erst Oskar Lafontaine loswerden. Andererseits braucht sie ihn aber für den Ausbau im Westen. Aus diesem Dilemma gibt es nur einen Ausweg: Warten. Bei der nächsten Bundestagswahl, sei es regulär im Jahr 2009 oder vorher, wird ein rot-rotes Bündnis im Bund nicht zur Debatte stehen, heißt es in der Berliner PDS-Zentrale. Im Jahr 2013 könnte es anders aussehen. Oskar Lafontaine wird dann nur noch ein zorniger 70-jähriger Politrentner sein.

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