Alle Intellektuellen, die seit Hegel und seinen linken Schülern im Grunde über den Gang der Geschichte Bescheid wussten, waren über die Renaissance der Religion vernehmlich irritiert. In den einschlägigen Diskursen war die Religion lange wie eine Geisteskrankheit betrachtet worden, die bei einer entsprechenden aufklärerischen Hygiene als besiegbar galt. Das Verschwinden der Religion schien ausgemacht. Sie war inkompatibel mit dem Projekt der Moderne. Inzwischen ist bei den Großdiagnostikern, welche die Lizenz zur Epochentaufe und Etikettierung des Zeitalters besitzen, ein Streit über das Prädikat »postsäkular« ausgebrochen. Die Schlüsselfrage lautet: Ist die Religion mit Vernunft und Wissenschaft verträglich?

Das Buch Die Wissenschaft vom lieben Gott von Otto Kallscheuer gibt darauf eine Antwort – nein, so viele Antworten, dass dem Leser nichts anderes übrig bleibt, als selbst seine Vernunft in Betrieb zu nehmen. Es konnte zu keinem besseren Zeitpunkt erscheinen. Wenn die himmlische Behörde, deren Sein oder Nichtsein es verhandelt, ernsthaft Einfluss nimmt, dann müssten alle zur Lektüre verpflichtet werden, die sich in den laufenden Debatten über Religion und Politik, Religion und Gewalt, Religion und Aufklärung öffentlich Gedanken machen.

Eines verschossenen Nachmittags taucht die Frage nach Gott auf

Mit Gott verhält es sich wie mit der Liebe, über die es tausend Romane gibt, die aber doch jeder und jedem von uns, wenn sie uns ergreift, als das nie da Gewesene und Einmalige erscheint. Beide Male geht es um einen Singular, der alle, also den größten denkmöglichen Plural betrifft. Die Frage nach dem lieben Gott ist alt, uralt, sie füllt Bibliotheken, und dann taucht sie eines verschossenen Nachmittags am Horizont unseres Bewusstseins auf, als seien wir Adam, der erste Mensch, oder Eva am sechsten Tag der Schöpfung. Wenn es so etwas gibt wie eine Evolution in der Religionsgeschichte, folglich einen theoretischen Standard, dann hilft alles nichts – ich muss ihn zur Kenntnis nehmen. Nicht alles war immer schon gedacht. Die Freiheit der individuellen Entscheidung enthält nicht automatisch die Lizenz, jeden Unsinn zu wiederholen, jedenfalls dann nicht, wenn er mit kraftvollen Argumenten eigentlich schon erledigt ist.

Man hält es nicht für möglich, dass es einem einzelnen Buch gelingen könnte, die Standards eines öffentlichen Diskurses über Religion zu markieren. Und doch ist es so. Vielleicht handelt es sich ja um eine providenzielle Fügung – nach einem Kölner Sprichwort »tut der liebe Gott ja nichts als fügen« –, dass dieses Buch, das offensichtlich in einigen langen Jahren erbrütet worden ist, zum ideenpolitisch richtigen Zeitpunkt erscheint. Ein Buch über Paul Tillichs und Rudolf Ottos »Ganz Anderen« muss natürlich auch in Enzensbergers Anderer Bibliothek erscheinen und nicht in einem kirchlichen Verlag. Otto Kallscheuer, Politologe und Philosoph, gehört keineswegs der Theologenzunft an, wenngleich er Kenntnisse ausbreitet, die jedem Theologen zur Ehre gereichen würden.

Die Argumentation ist durchaus ernsthaft, aber der Text zwinkert. Wie in der frommen Traktateliteratur schreibt er, wenn vom HERRN oder von IHM die Rede ist, Majuskeln. Das 20. Jahrhundert kennt solche Typografie nur als ironische Travestie. »Verehrter Mitbruder im Zweifel…«, so lässt er den Disputanten anfangen. Ja, wir lesen ernsthafte Argumente im federleichten Ton des Streitgesprächs. Und siehe, das erhabene Sujet erträgt das Vergnügen am Widerspruch.

Der Autor zieht es vor, den Lessing zu geben