Wann, wenn nicht jetzt? Vielleicht passiert dieses Mal in Schweden, der Mutter aller Wohlfahrtsstaaten, was dort eigentlich nicht passieren kann, und das sozialdemokratische Modellvolk wählt sich eine neue, eine andere, eine bürgerliche Regierung. Das gab es zwar gelegentlich auch früher schon, aber das war immer eine Ausnahme, hatte etwas Zufälliges, wurde gleich wieder korrigiert. Aber jetzt? »Mein Leben lang bin ich Sozialdemokrat«, sagt einer, der seine Partei auch immer gewählt hat. »Aber heißt das, ich muss sie auch diesmal wählen?« Da grummelt was im Untergrund. Die Krawatte täuscht. Fredrik Reinfeldt, der mögliche neue Ministerpräsident Schwedens, hat mit der politischen Farbe Rot wenig am Hut. Rechts: Göran Persson BILD

Es könnte also einen Wechsel geben, der kein Zufall ist, sondern kollektives Kalkül jener Wohlstandswähler, die hauptsächlich einen Wechsel an der Spitze möchten, nicht etwa einen Wandel in der Sache. Das könnte erklären, weshalb die Rechts- und Linksblöcke seit Wochen ziemlich gleichauf liegen, mit leichtem Vorsprung der Vier-Parteien-Allianz der Opposition, woran auch der kleine schwedische »Watergate-Skandal« mit der Hacker-Attacke eines Parteifunktionärs der liberalen Partei auf den Computer der sozialdemokratischen Wahlkampfzentrale nichts geändert hat.

Es geht ganz gut: Dauerwachstum, Arbeit und Haushaltsüberschüsse

Für die regierenden Sozialdemokraten, die als Minderheitskabinett mit parlamentarischer Unterstützung der Grünen und der exkommunistischen Linkspartei regieren, ist es ungewohnt und unbequem, in Umfragen immer noch bei nur 35 Prozent zu liegen. Ungerecht finden sie es außerdem, nach mehr als zehn Jahren Dauerwachstum, bei exorbitanten Haushaltsüberschüssen und spürbar steigender Beschäftigung. »Letzte Woche 50000 neue Jobs.« Pär Nuder, Finanzminister und einer der Aufsteiger in der Partei, ist ungemein stolz, so wie auf die 5,5 Prozent Wachstum im zweiten Quartal und zwölf Jahre steigendes Realeinkommen der Schweden.

Was wollen die Leute mehr? Aber er weiß, dass Dankbarkeit keine Rolle spielt. Er weiß auch, dass die Situation anders wäre, wenn es alles so gekommen wäre, wie geplant: Wenn die wunderbare Anna Lindh als amtierende Regierungschefin diese Kampagne führen würde. Aber Anna ist tot, am 11. September 2003, diesem fatalen Jahrestag, ermordet in Stockholm, bei einem Einkaufsbummel im Zentrum, ohne Sicherheitsbeamte. Leibwächter für Politiker galten noch als unschwedisch.

Ministerpräsident Göran Persson, seit zehn Jahren im Amt und auch sonst eine Art »schwedischer Kohl« (ein Parteifreund: »Göran sagt nie, ich bin anderer Meinung, sondern nur: Das ist falsch!«), reagiert gereizt und aggressiv auf seinen Herausforderer. Dieser, ein unverbrauchter postkonservativer Neuling namens Fredrik Reinfeldt, hat seine Partei, die traditionell konservativen »Moderaten«, ähnlich radikal entideologisiert wie einst Tony Blair in England die Labour-Party, taufte sie modellgetreu um in »Neue Moderate« und könnte in der Tat der nächste Ministerpräsident werden.

Reinfeldts Erfolgsmodell ist aus dem deutschen Wahlkampf von 1998 bekannt: Er verkündet, er werde im Prinzip nichts anders, aber alles besser machen. »Wir haben herausgefunden, dass die hohen Steuern nicht das Problem der Schweden sind«, sagt er. Warum dann daraus ein Thema machen? Seine Analyse trägt er ganz kühl vor, präsentiert sich als Nicht-Ideologe. Warum einen politischen Krieg mit den Gewerkschaften führen, wie die Vorgänger, wenn die Schweden die Rolle der Arbeitnehmerorganisation doch mehrheitlich akzeptieren? Reinfeldt will die Wahl gewinnen. Seine Zielgruppe sind, neben der Stammklientel – die muss ihn ohnehin wählen – alle jene, die den Sozialstaat behalten und Persson loswerden wollen. Ihnen bietet sich der smarte junge Mann mit der Glatze, der souveränen Radiostimme und der schönen Gattin als risikoarme Option an. Das bewährte System mit neuen Gesichtern. Wechsel ohne Wende. Was wollt ihr mehr? Kein Wunder, dass die Sozialdemokraten nervös sind.