Leider ordiniert Pfarrer Fliege nicht mehr im Psycho-TV. Er allein hätte das Publikum auch noch davon zu überzeugen gewusst, dass in Wahrheit der unerschöpfliche Ratschluss des Allmächtigen am Werk gewesen sei, als das Entführungsopfer Natascha K. vergangene Woche unter dem Rudel des Raubtierjournalismus aufgeteilt wurde. So musste sich der konspirative Klüngel aus Betreuern, Beratern und Befragern mit irdischer Heuchelei bescheiden, nachdem er seine Beute endlich erlegt hatte. Zu groß sei das Interesse der Allgemeinheit, zu groß der Druck der Medienindustrie es musste einfach sein: Sensationsgier siegt. In Österreich, wo diese mediale Vergewaltigung unter ärztlicher Aufsicht inszeniert wurde, sprach man am Tag danach von einer Sternstunde des Fernsehens.

So sah sie aus: Da saß ein seelisch schwer verletztes Mädchen, kämpfte mit der Kraft der Verzweiflung dagegen an, seine Haltung zu verlieren.

Hilfesuchende Blicke, verkrampfte Finger in Großaufnahme. Natascha K.

fieberte, ihr Immunsystem hatte sie im Stich gelassen. Begierig nestelten die Frager in ihren Wunden: Tuts weh? Nur wer insgeheim eine zertrampelte, stammelnde Kreatur erwartet (erhofft?) hatte, konnte hier eine selbstbewusste junge Frau entdecken. Natürlich bemerkte auch das so genannte Betreuerteam, wie sein Schützling vom Moloch der Medien verschlungen wurde. Als handle es sich dabei um ein Gottesurteil, beteuern diese Experten nun, Natascha K. habe es selbst so gewollt. Es ist aber die Pflicht des Psychiaters, seinen Patienten auch vor sich selbst, vor seinen destruktiven Impulsen in Schutz zu nehmen. Hätte sie sich die Zunge zerbeißen wollen, hätten sie dann auch geraten: Nur zu? Und anschließend das Lallen vermarktet?

Das ist Wien, und hier bleibt Freud weiterhin ein Außenseiter. Er hat darauf beharrt, dass nur ein Seelenarzt, der Respekt vor der persönlichen Würde seiner Patienten aufbringt, auch deren Leiden zu lindern vermöge. Andernfalls entsteht statt befreiendem Vertrauen nur ein neues, verhängnisvolles System der Abhängigkeit.