Auf Fotos sieht man sie oft rauchen. Da steht oder sitzt sie im Freundes- und Kollegenkreis, sehr oft als einzige Frau unter lauter Männern: Gruppenbild mit Dame. Und mehr oder minder alle Anwesenden huldigen dem blauen Dunst, sichtlich ohne Gewissensbisse. Die Risiken wurden damals kaum diskutiert, öffentliches Rauchen war noch nicht verpönt, ganz im Gegenteil: Es signalisierte Weltläufigkeit und Genuss, eine gewisse Freizügigkeit im Leben und im Denken, auf die man lange hatte verzichten müssen. Bei Frauen stand Rauchen auch für den Anspruch auf Emanzipation, ähnlich dem Tragen langer Hosen, das kam freilich erst Jahre später so richtig in Mode. In den Jahren, in denen sie ihre größten Erfolge feierte, traten Frauen noch in beschwingten, oft blumig gemusterten Seidenkleidern oder tailliert geschnittenen Kostümen auf. Auch das belegen die Fotos, Dokumente aus einer vergangenen Zeit.

Sie war 26, als man auf sie aufmerksam wurde, bei einem beruflichen Treffen in einem Badeort im Norden. Schon damals hatte sie eine Lebensentscheidung getroffen: Sie wolle auf keinen Fall heiraten; die Ehe sei nichts für eine Frau, die eigene Ziele verfolge und ihren eigenen Kopf habe. Und den hatte sie in der Tat, einen hübschen, außerordentlich klugen noch dazu, der ihr bald scharenweise Verehrer und Förderer bescherte.

Nach eigener Aussage war sie in einem Grenzgebiet aufgewachsen, in einem "Tal mit zwei Namen". Ihre besondere Begabung hatte die Tochter eines Lehrers und einer Hausfrau als Schülerin entdeckt: "Ich habe als Kind erst zu komponieren angefangen. Und weil es gleich eine Oper sein sollte, habe ich nicht gewusst, wer mir dazu das schreiben wird, was die Personen singen sollten. Also hab ich es selber schreiben müssen…" Das Komponieren gab sie irgendwann auf, das Schreiben blieb: "Der Antrieb dazu, der war in mir selber da. Ich habe alles geschrieben, was man sich nur vorstellen kann. An Quantität war das, glaub’ ich, weit mehr als das, was ich später als Erwachsene produziert habe…" Die Eltern unterstützten ihre älteste Tochter; die Mutter, die aus ländlichen Verhältnissen stammte und selbst nie hatte studieren dürfen, wollte das wenigstens der Tochter ermöglichen.

Schon mit 24 Jahren war sie promovierte Philosophin, fand aber keinen adäquaten Job. Also verdiente sie ihren Lebensunterhalt als Sekretärin, danach als Redakteurin. Nur drei Jahre später war sie aber schon am Ziel und konnte von dem leben, was sie am liebsten tat: mit Wörtern jonglieren. Dies schien die einzig ihr mögliche Existenz zu sein; gleichwohl wusste sie um die Schattenseiten, die ein Künstlerleben mit sich bringen kann. In einer Rede, die sie einmal anlässlich einer Preisverleihung hielt, sagte sie: "Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, und nur das Veröffentlichte, die Bücher, werden sozial, finden einen Weg zu einem Du…"

Mit einem realen Du im Leben wollte es leider nicht recht klappen. Einige Zeit war sie mit einem Kollegen liiert; die beiden lebten mal solo, mal als Paar in zwei Wohnungen, zwei Städten, zwei Ländern. Ob die Liebe letztlich an der räumlichen Distanz scheiterte oder aus anderen Gründen, blieb beider gehütetes Geheimnis. Vielleicht hatte ihr das Pendeln mehr behagt als ihm, weil sie ohnehin nie sesshaft gewesen war, häufige Reisen und Ortswechsel prägten ihr ganzes Leben. Aber es gab auch Fixpunkte darin, so jene Stadt im Süden, die sie 27-jährig erstmals besucht hatte und in die sie immer wieder gern zurückkehrte. Sie starb zu früh, ein prominentes Opfer des Tabakkonsums.
Wer war’s?

Frauke Döhring

Auflösung aus Nr. 37:
George Gordon Lord Byron (1788 bis 1824) wurde zehnjährig zum Peer von England. Als 18-Jähriger veröffentlichte er seine Gelegenheitsgedichte. Das auf einer Orientreise verfasste "Childe Harolds Pilgerfahrt" machte ihn zum literarischen Star. Sein Eintreten für die Weber brachte ihn politisch ins Abseits. Im Freiheitskampf der Griechen galt er als Hoffnungsträger, seine Gesänge hatten in Europa für ideelle und finanzielle Unterstützung gesorgt. Er starb, wohl an Malaria erkrankt, mit 36 Jahren in Griechenland