Manchmal hat das Kino Angst vor sich selbst. Als fühle es sich von den eigenen Träumen, Phantasmen und Halluzinationen bedroht. Als müsse es sich in der Welt der harten, klaren Fakten vergewissern, dass nur ja alles mit rechten Dingen zugeht. In solchen Momenten ist meistens ein adretter Versicherungsvertreter namens Wirklichkeit zur Stelle. Sein Standardvertrag heißt "Based on a true story", und ein Großteil der Filme dieser 63. Biennale von Venedig hat ihn unterschrieben.

Gerade die amerikanischen Produktionen des Festivaljahrgangs tasteten in einem Akt ritueller Selbstbeschwörung immer wieder nach ihrem wahren Kern. So mochte sich selbst ein eigentlich berührender Episodenfilm wie Emilio Estevez’ Bobby nicht auf sein Erzählgeflecht über die letzten Stunden vor dem Attentat auf Robert Kennedy verlassen. Nachdem er das Amerika der späten Sechziger als traurigen Scherbenhaufen vorgeführt hat, muss Estevez seinen Film noch mit einer authentisch verrauschten Messias-Rede des Politikers beschließen.

Selten wurde auf Pressekonferenzen so beharrlich über Wahrheit, Recherche und Realitätsbezug schwadroniert, holte man sich so viele Maskottchen aus der wahren Welt da draußen. Für die Präsentation von Brian de Palmas Film noir Black Dahlia, der auf einem der grausamsten Frauenmorde der amerikanischen Kriminalgeschichte beruht, wurde sogar James Ellroy, Autor der Krimivorlage, eingeflogen. Mit knarrender Bassstimme beschrieb er den in zwei Hälften geschnittenen Torso der Leiche und assoziierte den Fall mit seinem großen Trauma, dem Mord an der eigenen Mutter. Es war ein Kurzauftritt, nichts weiter, und doch blitzte dabei die ganze grauenvolle Dimension einer Tat auf, der Brian de Palmas steriler Thriller in keinem Augenblick gerecht wird. Danach wirkten der Regisseur und seine Darsteller Scarlett Johansson und Josh Hartnett plötzlich wie kleine Kinder, die einer versammelten Erwachsenenwelt aufgeregt von ihrem ersten Nachtspaziergang erzählen.

Wie zwiespältig sich diese Sekundantenbeziehung entwickeln kann, wurde wohl am deutlichsten vor der Vorführung von Oliver Stones Films World Trade Center. Am Gala-Defilee nahmen auch die beiden Polizisten teil, deren Überlebensgeschichte der Film erzählt. Als sie den roten Teppich entlangschritten, senkten die Fotografen ihre Kameras und applaudierten minutenlang. Doch dann marschierte eine Hundertschaft echter italienischer Feuerwehrleute auf. Mit ihren Uniformen bildeten sie ein hübsches Deko-Spalier, und auch Oliver Stone ließ sich einen der coolen roten Helme aufsetzen. So wurden wir in Venedig daran erinnert, dass auch World Trade Center auf einer wahren Geschichte beruht.

Vielleicht hat es ja eine gewisse Logik, dass sich die Jury dieses Festivals von einem Regisseur beeindrucken ließ, der mit seiner digitalen Kamera direkt auf die Wirklichkeit zugeht und der seine Geschichten schon immer aus dem Alltag seines Landes heraus erzählt hat. Seit etwa zehn Jahren ist der Chinese Jia Zhangke ein Stammgast der internationalen Festivals. Seit zehn Jahren dreht er Filme über verlorene Helden und über eine Regierung, die die Zukunft über die Köpfe der Bevölkerung hinweg plant. In Still Life erzählt er von Menschen, deren Welt durch das gigantische Überflutungsprojekt des Drei-Schluchten-Damms zerstört wird.