Und wo bleibt das Positive? Ludolf von Wartenberg schweigt. Dann lacht er, dabei ist der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie an diesem Brüsseler Spätsommertag eigentlich wenig zum Scherzen aufgelegt. Statt neuer Ideen bekommen wir Papier. Da fehlen Konzepte, Mut und Profil. Diese EU-Kommission hat wenig Durchsetzungskraft, sagt er. Wartenberg kommt seit Jahren regelmäßig in die europäische Hauptstadt. Mit der Gesetzgebung der EU beschäftigt er sich schon zwangsweise. Und sein Unmut darüber wächst.

Wartenberg liegt mit seiner Stimmung im Trend. Die Kommission dümpelt orientierungslos dahin, sagt der sozialdemokratische Europa-Abgeordnete Martin Schulz. Da wurden hohe Erwartungen geweckt, aber bei der Umsetzung hapert es, sagt Wolf Klinz von der FDP, und sein CDU-Kollege Klaus-Heiner Lehne sagt nur: Weniger ist mehr, aber gar nichts ist gar nichts.

Seit knapp zwei Jahren lenken Manuel Barroso und 24 Kommissare die Europäische Union. Fans haben sie nicht mehr viele. Die Vorwürfe ihrer Gegner klingen erstaunlich ähnlich: Das sei keine gute Mannschaft, heißt es. Sie steuere die EU zu zaghaft, und es mangele an Mut und großen Zielen gerade in der Wirtschaftspolitik.

Ganz entspannt sitzt Günter Verheugen im Brüsseler Kommissionsgebäude.

Der deutsche Industriekommissar zieht mit seinen Kollegen in diesen Tagen eine viel positivere Bilanz. Verheugen wehrt sich gegen die düstere Deutung der Dinge: Schließlich kämpft er für weniger Bürokratie und bessere EU-Gesetze so manches Mal selbst gegen die eigene Behörde. Er findet die Realität besser als die Wahrnehmung.

Weil in Europa so viele Unternehmen wie nie zuvor fusionierten, könnten die Schranken im Binnenmarkt gar nicht mehr so groß sein wie oft behauptet, argumentiert der Industriekommissar. Außerdem würden im kommenden Jahr nationale Grenzen im Energiesektor fallen und die Märkte für Verteidigungsgüter langsam geöffnet.

Also alles wunderbar? Tatsächlich suggeriert auch so manche Schlagzeile eine kämpferische Kommission. Jede Woche geißelt sie Wettbewerbsverstöße. Da verwarnt sie die Mobilfunkgesellschaften wegen zu hoher Roaming-Gebühren. Sie ermittelt gegen die spanische Regierung, weil die mit illegalen Gesetzen die Übernahme des heimischen Energieriesen Endesa durch den deutschen Konzern E.on verhindern will. Sie warnt die Franzosen vor der Zwangsfusion der Strom- und Gasfirmen Suez und Gaz de France. Der Verdacht: Diese soll womöglich nur die italienische Konkurrenz draußen halten. Polen gerät wegen zu hoher Subventionen für die Werften ins Brüsseler Visier. Und nicht zuletzt wagt die Kommission auch noch den Streit mit den Deutschen um deren staatliches Sparkassenmonopol.