Jostein Gaarder sagt, er sorge sich weiter um Israel. Zuerst hatte der norwegische Schriftsteller diese Sorge in einem Zeitungsartikel mit dem hämischen Titel Gottes auserwähltes Volk geäußert: Wir erkennen den Staat Israel nicht an. Um Missverständnisse zu vermeiden, präzisierte er: Wir anerkennen einen Staat nicht, der auf antihumanistischen Prinzipien und einer archaischen, kriegerischen Religion gründet. Noch unmissverständlicher: Wir anerkennen das Königreich Davids nicht als Modell für die Karte des Nahen Ostens im 21. Jahrhundert. Das war Anfang August. Seither spielt Gaarder das politische Gewicht des Wortes anerkennen zu einer blassen Bedeutungsvariante herunter, die hier also im Zusammenhang des Nahostkonflikts gewiss nicht gemeint gewesen sei.

Selten trat die decouvrierende Wirkung einer Heuchelei so klar zutage.

Es gibt ja eine Art Rechtfertigung, die dem erhobenen Vorwurf, in diesem Fall des Antisemitismus, stärker Recht gibt als jedes Eingeständnis. Jetzt, anlässlich des Berliner Literaturfestivals, klagte der Autor des Jugendbuch-Bestsellers Sophies Welt, man könne heutzutage nicht über Israel reden, ohne als Antisemit beschimpft zu werden. In der Tat. Es ist schwierig, eine antiisraelische Hetzschrift voll antisemitischer Klischees zu publizieren, ohne als Antisemit zu gelten. Gaarders Klage klingt nicht nur deshalb verlogen, weil sein Artikel so viele berüchtigte Ressentiments aufrief, sondern weil das von ihm monierte Phänomen des Antisemitismusvorwurfs im Namen antifaschistischer Korrektheit heute seltener vorkommt als der Philosemitismusvorwurf im Namen der Meinungsfreiheit. Er wird immer dann erhoben, wenn einer eine besonders harsche Israel-Kritik beabsichtigt.

Der neue Antiphilosemitismus geht einher mit einer rhetorischen Geste, die an deutschen Stammtischen seit nun sechzig Jahren Mode ist, bei der NPD zum propagandistischen Standard gehört und sich seit Martin Walsers Moralkeule Auschwitz eines inflationären Gebrauchs erfreut: Es müsse endlich mal gesagt werden dürfen, dass! Dass die Deutschen nicht allein stünden mit ihren Verbrechen! Dass gerade auch das auserwählte Volk ganz schrecklich wüte!

Leider ist das, was endlich raus soll, meist purer Revisionismus. Das Argumentationsmuster geht so: Erst ein moralisches Tabu behaupten, dann zum Denkverbot stilisieren, dann die angeblich tabuisierte rechte Idee verkünden, die nun als Ausweis wahren Scharfsinns gilt. Was ist eigentlich so intelligent am Antisemitismus? Die einzig richtige Antwort auf Gaarders Winkelrhetorik findet sich in der aktuellen Ausgabe des Satiremagazins Titanic. Dort ist das ganzseitige Konterfei des NS-Propagandaministers Joseph Goebbels abgebildet, darüber steht in Anspielung auf eine Werbekampagne der Bild-Zeitung: Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht. Und jede Lüge braucht einen Dummen, der sie glaubt. Oder einen Schriftsteller, der sie salonfähig macht.