Nun ist der Schrecken groß, und eine Hoffnung liegt in Scherben. Im bayerischen Herrgottswinkel hatte es Papst Benedikt XVI. gewagt, den Islam zu tadeln. Noch bevor die katholischen Blaskapellen in Richtung Oktoberfest weitergezogen waren, tobte der globalisierte Zorn der Muslime. Darf der Papst, und sei es nur im Gewande eines Zitats, islamische Gewalt ansprechen und dabei Ross und Reiter nennen? Allein die Frage scheint abwegig. Natürlich darf er es, es ist sogar seine Pflicht. Denn niemand kennt die Verbindung zwischen Religion und Gewalt besser als ein Mann der katholischen Kirche.

Allerdings stammt das inkriminierte Zitat, der Islam sei eine "Schwertreligion" und habe der Welt nur "Schlechtes und Inhumanes" gebracht, aus dem Jahre 1391. Es wäre der Wahrheitsfindung nicht abträglich gewesen, der Papst hätte erwähnt, dass es christliche Gotteskrieger waren, die ihr Kreuz in ein Schwert verwandelten, aufgestachelt vom Hassprediger Bernhard von Clairvaux: "Ein Ritter Christi tötet mit gutem Gewissen; noch ruhiger stirbt er. Wenn er stirbt, nützt er sich selber; wenn er tötet, nützt er Christus." Es wäre hilfreich gewesen, der Papst hätte ein Wort über die römisch-katholische Auslegung des Tötungsverbots verloren, über die mittelalterliche Verfolgung der Juden, das Abschlachten der Ungläubigen und das Verbrennen der Hexen, auch ein Wort über die Liturgie des Folterns, Verstümmelns, Ertränkens, stets mit der Bibel in der Hand. Noch den Franco-Faschisten kroch die katholische Kirche unter den Rock, und die Befreiungstheologie bekämpfte sie, als sei es der Leibhaftige. Ein Hinweis auf die Todsünden der eigenen Kirche, ein Hauch von Bußfertigkeit hätte den Ajatollahs ein Zeichen gegeben, und wäre dieses Zeichen so kühl gewesen wie dieser Satz: "Menschen der Kirche haben im Namen des Glaubens und der Moral auf Methoden zurückgegriffen, die dem Evangelium nicht entsprechen." Der Satz stammt übrigens nicht von einem Häretiker. Er stammt von Joseph Kardinal Ratzinger, damals noch gefürchteter Präfekt der Glaubenskongregation.

Die päpstliche Unterlassung rechtfertigt jedoch nichts; nicht den islamischen Aufruhr, den Terror mit Worten und Taten, das Fuchteln mit der Bombe, die ganze Palette des entfesselten Irrsinns samt Einschüchterung, Erpressung, Todesdrohung. Was sind das für Verhältnisse, in denen ein falscher Zungenschlag mit brennenden Papst-Puppen beantwortet wird, in der Islam-Kritiker um Leib und Leben fürchten und in denen eine Entschuldigung sofort neue Drohungen auslöst, neue Tiraden des Verdammens und Verfluchens. Nichts bestätigt die Furcht vor religiöser Gewalt schlagender als die Taten der Brandstifter, die im Namen des Glaubens zum Mord aufrufen – und von ihren Schriftgelehrten zuweilen noch ermuntert werden.

Gleichwohl bleibt es ein diplomatisches Desaster, wenn Benedikt XVI. den Eindruck erweckt, er gieße Öl ins Feuer des religiösen Weltbürgerkriegs, wenn ein Brückenbauer Brücken zum Einsturz bringt – und seine theologische Mission aufs Spiel setzt. Diese Mission ist sehr schlicht, radikal und verzweifelt politisch. Eigentlich besteht sie nur aus einem Satz: So geht es nicht weiter, die Welt muss eine andere werden, denn sie leidet an zwei "Krankheiten". Zu der einen "Krankheit" gehören Ausbeutung und Ausplünderung, die Missachtung des ungeborenen Lebens, die Hybris der Gentechnologie und – Stichwort USA – der Missbrauch imperialer Macht. Es gibt noch eine zweite "Pathologie der Moderne", die religiöse Gewalt, den Terror der Gotteskrieger. Solange diese "Krankheiten" nicht besiegt werden, bleibt die Erde, was sie ist – ein Schlachtfeld.

Welche Aufgabe der Papst dabei für die katholische Kirche vorgesehen hatte, ist leicht zu erraten. Im Krieg der Weltgesellschaft ist der Vatikan ein Fels der Vernunft, eine machtlose Macht des Friedens, die gegen alle Freund-Feind-Verhältnisse die "Einheit der Menschengattung" ins Gewissen ruft. Nie wieder dürfe eine Religion Gewalt predigen, denn "Gott ist Liebe". Auf diesen Gott soll sich kein Präsident und kein islamistischer Vorbeter berufen können.

Wer nun von Benedikts Islamkritik überrascht ist, der hat seine Schriften vorher nicht gelesen. Es gibt auch nichts zurückzunehmen. Tatsächlich ist der Gewaltbegriff im Koran widersprüchlich, sein Opferbegriff dunkel und sein Politikverständnis nicht von dieser Welt. Andererseits enthält der Koran ein unbedingtes Friedensgebot, wonach ein jeder nur mit dem Herzen für den Glauben kämpfen darf. "Kein Zwang in der Religion." Die autoritären Koran-Ausleger und theologischen Despoten, die nichts mehr fürchten als das Licht textkritischer Vernunft, haben diese Stellen systematisch unterschlagen; mit Ingrimm spülen sie dagegen die archaischen Reste des Islams nach oben und bringen sie gegen den Westen, gegen das "Haus des Krieges" in Stellung.

Nun wird alle Welt, die Bilder aufgepeitschter Islamisten vor Augen, mit belegter Stimme nach dem "Dialog der Kulturen" rufen. Leider sind hier viele Illusionen im Spiel. Wenn es über theologische Abgründe hinweg eine Verständigung gibt, dann höchstens in der Erinnerung an den gemeinsamen mosaischen Ursprung, an die unbedingte Achtung vor dem Leben. Hoffnungen richten sich hierzulande auf die Berliner Islamkonferenz, zu der Innenminister Schäuble Organisationen einlädt, denen er sonst schaudernd die kalte Schulter zeigt. Dahinter steckt der Gedanke: Wer vom Staat als Dialogpartner anerkannt wird, muss im Gegenzug auch Recht und Gesetz anerkennen. Der Staat garantiert die freie Religionsausübung; und die Religion achtet den Staat, der ihr diese Freiheit gewährt.