Die neue Saison ist da, und wenn man die Programmhefte durchstöbert, fällt auf, dass viele Theater ihre Schauspieler darin nackt zeigen. Genauer: Man sieht die ungeschminkten, ernsten Gesichter der Darsteller in Porträtaufnahmen ungefähr bis zum unverhüllten Brustbein.

Die Suggestion hinter dieser Preisgabe ist: Unsere Leute brauchen kein Kostüm, sie spielen nicht, sondern sie gehen für euch an die Grenze, dorthin, wo der Schmerz, die Glut, der Tod lauern. Der nackte Schauspieler ist der Statthalter des verzagten Bürgers. Er ist nicht mehr dessen Narr, sondern dessen Emissär, der für ihn ins Ungewisse vorstößt. In der vergangenen Saison gab es exemplarischen Wirbel um eine Inszenierung des Regisseurs Jürgen Gosch, der Shakespeares Macbeth in Düsseldorf als Schlachtfest unter nackten Männern spielen ließ. Überhaupt, so schien es, wurde in den letzten Jahren der mit Blut bedeckte Leib des nackten Darstellers zu einer Art Wahrhaftigkeitszertifikat des Theaters: Ein Mensch, der nackt ist, kann nicht gut lügen. Und im Moment, da er tötet, lügt er gar nicht mehr.

Die Wahrhaftigkeit in der Auslöschung ist eine grandiose, immer wieder glamourös gelingende Prachtübung des deutschen Theaters. Der Spielbetrieb wirkt in solchen Momenten, als sei er endlich bei sich selbst. Aber wie steht es, wenn das Theater von Liebe handelt? Wie weit gehen die Schauspieler, die Grenzwächter unseres Alltags, wenn Erotik im Spiel ist? Der Rezensent machte sich auf den Weg in die neue, noch so junge Saison. Nach dem vergangenen Jahr der großen Mörder wollte er wissen: Was machen die Liebenden?

Der tobende Eros. Eine Party unter Menschen, Bestien, Lemuren, Nixen. Zwei Liebende, ein Mann, eine Frau, teilen sich einen riesigen Kaugummi, in dessen klebrige Fäden sie sich im Tanz verspinnen wie zwei Mumien; indem sie kauen, zerren sie den anderen zu sich her; indem sie Kaugummi auswürgen, seilen sie den anderen ab. Einer pisst in einen Handschuh, den er wie ein schließlich platzendes Gemächt vor dem Schoß pendeln lässt. Jeder hat hier sein eigenes explosives Katastrophengeschlecht. Der Sommernachtstraum (nach Shakespeare), den die Choreografin Constanza Macras und der Theaterregisseur Thomas Ostermeier an der Berliner Schaubühne zeigen, ist eine babylonische Lustanstrengung: Der Eros geht wie ein Evolutionsblitz zwischen die Kreaturen und trennt sie alle, Amor lässt Gattungsschlagbäume zwischen ihnen niedergehen. Die Schöpfung verästelt und verwirrt sich, bis keiner mehr einen hat, mit dem er sich vereinigen könnte. Entgrenzung, Zerstörung, Auflösung – der Spielort ist ein Terrassenhaus, welches unter den Tritten, Tänzen, Sprüngen der Spieler allmählich zur Wildnis wird. Auf die Berliner Akteure passt eine Zeile des Lyrikers Günter Eich: "Ich möchte ein negativer Tischler sein." Was ist ein negativer Tischler? Wohl einer, der den Tisch zurückverwandelt in den Baum, aus dem er gemacht wurde. Mit dieser Retour-Erotik gehen die Berliner ans Werk: Sie wollen negative Städtebauer sein; sie zerfetzen die Zivilisation und rollen die Schöpfung neu auf. In diesem rabiaten, mit Porno-Pantomimen gesättigten Stück verbirgt sich etwas völlig anderes: keusche Flucht aus dem Eros in glücklichere Gefilde ohne Haftung und doppelten Boden.

Im Kühlhaus. Auf der Bühne steht eine schöne Frau (Maren Eggert) und hat einen Orgasmus. "So ist es gut", sagt sie, sie haucht und keucht, sie hyperventiliert, und derweil blickt sie scharf und unbeteiligt in den Saal, die eigene Wirkung betrachtend. Die Frau ist die Marquise de Merteuil, die liebesmüde Geliebte und Briefpartnerin des Vicomte de Valmont. Die beiden stammen aus Choderlos de Laclos’ Briefroman Gefährliche Liebschaften; unter den großen Erotikern der Weltliteratur gehören sie zu den unerbittlichsten Taktikern, Analytikern und Apokalyptikern. Der Regisseur Stephan Kimmig hat bei der Ruhrtriennale Laclos’ Roman und die darauf basierenden Stücke Quartett von Heiner Müller und Gefährliche Liebschaften von Christopher Hampton zu einem Theaterabend verbunden. In der alten Gebläsehalle im Landschaftspark Duisburg-Nord sehen wir neun Menschen, die vom Eros gezeichnet sind wie von einem Gift, das durch ihre Körper zirkuliert. Sie sind erbittert darüber, dass sie weder ganz Geist noch ganz Fleisch sein können.