Als sich Dorothee Kimmich, Professorin für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, vor zehn Jahren in Freiburg habilitierte und gleichzeitig mit ihrer Tochter schwanger war, wurde sie von Kollegen gefragt, ob es ihrem ungeborenen Kind nicht schade, wenn sie stundenlang in der Bibliothek über Büchern sitze. Heute bespricht sie mit Studierenden an der Universität Tübingen Seminararbeiten, während ihre neunjährige Tochter an der Kinderuni eine Vorlesung über unterschiedliche Weltreligionen hört.

"Die Stimmung verändert sich", sagt die Literaturwissenschaftlerin. "Je mehr Frauen mit Kindern anerkannte wissenschaftliche Arbeit machen, desto größer der Respekt vor Familien." Was noch vor zehn Jahren kaum ins Bild der bundesdeutschen Hochschulen passte, wird immer mehr Alltag: Spielecken in der Cafeteria, universitäre Beratungsstellen für Familien, Wickelräume neben Vorlesungssälen, gleitende Arbeitszeiten, Kinderkrippen an der Uni. Kürzlich hat die berufundfamilie gGmgH, eine Initiative der Hertie-Stiftung, zehn Hochschulen mit dem Zertifikat "Familiengerechte Hochschule" ausgezeichnet.

Trotzdem haben über 40 Prozent der Akademikerinnen in Deutschland keine Kinder. Nicht weil sie nicht wollen. Doch wer Karriere an der Hochschule machen will, kann sich einen Ausfall nicht erlauben. "Die Verlässlichkeit der Karriereplanung hängt von der Verlässlichkeit der Kinderbetreuung ab", sagt die Tübinger Professorin. Wenn Uni-Kindergärten und Schulen mittags um 13 Uhr die Türen dicht machen und keine bricolage aus Tagesmüttern und Großeltern bei Fuße steht, ist wissenschaftliches Arbeiten nur bedingt möglich.

Kinderfeuerwehr an der Uni

Die anderthalbjährige Karla von den "Hohenheimer Küken" steht im Sandkasten und jauchzt. Von einer Freundin lässt sie sich Wasser über die Füße gießen. Vater Martin Mitzscherling trocknet ab und ruft zum Mittagessen. Der promovierte Getreidetechnologe an der Uni Hohenheim bei Stuttgart hat Mittagsdienst in der Kita auf dem Campus. Für zehn Hohenheimer Küken zwischen ein und drei Jahren hat er Gersteneintopf mitgebracht. Wenn der ausgelöffelt ist, geht er zu Fuß weiter an sein Institut, Forschungsergebnisse auswerten.