Im Songbook des Rock’n’Roll ist unter »I« wie »ich« jede Menge los. I Want To Hold Your Hand, I Can’t Get No Satisfaction, Rock ist Politik in der ersten Person. So will es das Genre, so will es der Mythos: Stets neu muss das Lustprinzip über die Umstände triumphieren, als gäbe es keine Geschichte. Immerhin gibt es einige Ausnahmen, an vorderster Front ein gehemmt wirkender Brillenträger namens Newman.

Randy Newman ist kein Revolutionär oder Rebell – und hat der populären Musik doch eine entscheidende Neuerung beschert. Seit seinen Anfängen, spätestens aber seit Good Old Boys, dem Meisterwerk von 1974, geht es nicht mehr allein um ererbte Triebansprüche. Es ist ein gebrochener, sublimierter und deswegen im Wortsinn raffinierterer Zugang, dem dieser Songzyklus zum Durchbruch verhilft. Statt sich eindimensional auf die Rocktradition zu beziehen, arbeitet Newman mit Techniken anderer Gattungen. Wenn Dylan den literarischen Bewusstseinsstrom rockfähig gemacht hat, ist Newman der Meister des inneren Monologs.

Good Old Boys kriecht in zwölf Kapiteln in die Köpfe anderer, präpariert heraus, was in ihnen herumspukt: Rassenhass, Heimatliebe, Chauvinismus, verbogene und verknotete Formen von Zärtlichkeit. Im Eröffnungssong Rednecks wettert einer der Stiernacken aus dem amerikanischen Süden, denen Newmans lebenslange Hassliebe gilt, gegen jüdische Schlaumeier aus der Stadt, um im selben Atemzug die eigene Tumbheit als höhere Form der Gemütlichkeit zu feiern. In Birmingham preist ein Kleinstadtmensch zu perlenden Pianoakkorden das Vollglück in der Beschränkung: Frau, Hund, Kinder, Barbecue – was will ein Mensch mehr? Es sind Lächerliche, Scheiternde, Erniedrigte und Beleidigte, die hier zu Wort kommen, doch statt zu richten, zieht der Autor im Hintergrund seine Fäden.

Was dabei entsteht, ist ein Sittenbild sozial abgehängter Milieus, scheinbar von den Protagonisten selbst erstellt. Diese Helden sind Maulhelden und im schlechtesten Fall Faschisten, sie trinken zu viel und lachen zu laut. Echte Bastarde sind sie, die Good Old Boys – und kommen einem als Erzähler ihrer Geschichten doch so nahe, dass das Fremde sich im Eigenen spiegelt. Der Süden: In seiner gespenstischen, gewalttätigen Romantik ist auch er Teil der menschlichen Komödie.

Newman, Spross einer Komponistenfamilie, hat seine Technik einmal mit jüdischen Überlebensstrategien in Verbindung gebracht: Um in einer feindlichen Umwelt zu bestehen, muss man die Gedanken des Gegners besser kennen als dieser selbst. Tatsächlich erinnert der psychische Mechanismus an Anna Freuds Identifikation mit dem Aggressor: Hier gleicht einer sich an, erforscht sich selbst in seinem Gegenteil. Wo zu viel Einfühlung im echten Leben allerdings in den Untergang führen kann, wird sie in der Kunst zum überlegenen Gestaltungsprinzip. Die erste Person mag den straighteren Rock’n’Roll mit sich bringen, wer von sich selbst abzusehen gelernt hat, ist der bessere Weltversteher. Thomas Gross